Zwischen Himmel + Herde: Was ein Kinder-Strohhalm in der Pfütze mit Poesie zu tun hat

Es war ein wilder Moment in der vollen Stadt und ein großer Drang nach der Essenz des Seins, dem Wasser. Auch daher kann ich es insgesamt nur als wunderbaren poetischen Gedanken sehen, der am Samstag in die Sinne meines kleinen Sohnes eintrat, mitten beim Schlendern über das verregnete Darmstädter Heinerfest, dem „vielfältigsten Innenstadtfest des Landes“, wie die Superlativsucher des Festmarketings überall haben plakatieren und anpinnen lassen. Es regnete. Es war wenig los. Unser Sohn, der zur sehr konkreten Tagträumerei neigt, wollte, so seine Erklärung später, mit dem Strohhalm „den Regen aus der Luft trinken. Weil das aber nicht geht, bin ich zur Pfütze“. Er war plötzlich abgetaucht und niedergekniet, um mit dem Halm zu einem tiefen Zug aus einer mittelgroßen Pfütze anzusetzen, die sich neben einer der leblosen Buden gebildet hatte. Irgendwer, ich war es vielleicht selbst, fischte ihn im letzten Moment von der Straße. „Nö“ sagte er auf die direkte Frage, ob er daraus getrunken habe. Dann kam aber der eigentliche, größere Moment: Eine Truppe Trunkenbolde, die sich hüftschwankend schon vorher im Schraubenzieherschießen mit den ewig schiefen Luftgewehren versucht hatte, jubelten meinem Sohn zu. Großes Johlen, deftige Glückwunsche, breites Grinsen – alles, was sie noch konnten, weil seine Pläne in diesem Moment irgendwie ihrer eigenen, flüssigen Logik entsprachen. „Gell de Borsch griggt dohoam nix Gescheides?“, fragt einer, um dann leicht schwankend die Pranke auszufahren und mit unserem Vierjährigen einzuschlagen, was der tat. Und uns danach mit unbändigem Stolz angrinste. Er war in den Kreis der Großen aufgenommen, wieder einmal. Und es waren sehr große dabei. Ich überlegte und antwortete schnell irgendetwas, um gleichzeitigt ein paar Meter zu machen. Nur weg. Dabei war alles eigentlich ziemlich entspannt. Und für den Kleinen eine sehr große Sache, wie mir im Nachhinein klar wurde. Es war der coolste Moment des Tages für ihn, besser als Eis, Karussell oder dergleichen, ganz sicher.

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