Geschichten von Stein und Sein: Dalamot

Nach zwei Stunden entlang eines Fjellpfades, der mich durch Nebelbänke und kalte Luft immer weiter nach oben in die Hardangervidda führte, war ich im Eis angekommen; vor mir Schneefelder, deren Einsamkeit ich noch nicht erkannt hatte; schattige, grau-weiße Felshänge mit gelben, verblichenen Heideresten, Geröllhalden im Dunst, die Stille der hohen Ebene. Nur das leise Konzert des Schneeflusses war zu hören, der nun, nach einer Biegung des Pfades, jäh meinen Weg hinauf versperrte.

Struppige Eiszapfen und die weißen Wellen der Schneeverwehungen säumten des Lauf des zwei, vielleicht drei Meter breiten Flusses bis in die Nebelbänke hinein, aus denen er mir entgegenkam, um hier seinen Lauf zu ändern und sich ins Tal aufzumachen. Es gab keine andere Möglichkeit, um hinüberzukommen und weiterzulaufen – sechs Stunden noch auf die Hütte Viveli zu – als ein Sprung ans andere Ufer. Ich hatte genug Anlauf auf dem hier abfallenden Pfad, festen Grund unter den Füßen und konnte auch leicht bergab springen, weil der Pfad am anderen Ufer leicht abfiel. Ich schnallte ab und warf den Rucksack vor, lief zweiter Meter zurück, rannte an und sprang hinterher.

Nieselregen setzte ein, ich die Mütze auf

Beglückt von der abenteuerlichen Unterbrechung des bis dahin gleichförmigen Weges durch diesiges Fjelll, liefe ich weiter und weiter, durch klamme Nebelbänke und vorbei an Felsburgen, setzte über kleine Bäche und Rinnsaale, die Augen der Vidda, die überall sind, und stieg durch immer neue Schneefelder. Nieselregen setzte ein, ich die Mütze auf – kam aber gut voran, auch bei schlechter werdender Sicht.

Doch mit einem Mal stimmte etwas nicht mehr, eine unbestimmte Ahnung kam auf. Ich hielt auf einem Schneefeld inne und schaute um mich, soweit das in den Winterschlieren noch möglich war, die den Sommerwanderer hier oben im subpolaren Geläuf nun fast ganz eingefangen hatten. Jetzt begriff ich, was es war – oder was nicht war, fehlte: die Fußspuren anderer Wanderer in den Schneefeldern. Auch wenn sie Monate alt sind, sie sind in der viel bewanderten Vidda immer da und Garanten dafür, dass schon andere gegangen sind, wo ich gerade gehe.

Hier, wo ich jetzt stand, in einem abschüssigen und mit großen Steinblöcken durchsetzten Schneefeld, gab es keine einzige Spur mehr. Und so schossen mich die Gedanken hinaus aus der Wanderlust und hinein in zeternde Erinnerungen an die vergangenen beiden Wegstunden nach dem Start an der Hütte Stavali um acht Uhr morgens: Ohne Spuren, so war der ganze, immer unkenntlicher gewordene Pfad die ganze Zeit schon gewesen, ganz so wie die anderen Schneefelder und Eisflächen, die ich durchquert hatte. Ein Schauder durchfuhr mich; ich begriff, dass ich mich verlaufen hatte und schon lange in die falsche Richtung gegangen war.

Die Nadel zeigt nordwärts, zu einem hoffnungslosen Platz

Ich kniete an einer Felswand nieder, klaube die Karte auf dem Rucksack und breite sie auf ihm aus. Nahm den kleinen Kompass dazu, den ich zusammen mit anderem Zeug noch schnell im Ausverkauf eines verschlissenen Berliner Outdoorladens gekauft hatte. Ich hielt ihn still, und die Nadel zeigte nordwärts. Nicht nach Osten, wie ich glaubte. Mein Blick wanderte die Karte hinauf, den falschen Pfad entlang und weiter über kleine Flüsse hin zu den enger werden Höhenlinien, die bis auf 1583 Meter führen, unten ein einsames Tal, Jolabotnen, danach der Berg Sovarenuten und dann der Zielpunkt dieses nicht mehr belaufenen Pfades: Dalamot, wo eine Hütte eingezeichnet war, die sicher nicht mehr betrieben wurde.

Ich war unterwegs zu einem hoffnungslosen, verlassenen Platz in der Vidda, der einmal marschierende Vorgänger anzog, jetzt aber aufgegeben worden war, wohl weil die Instandhaltung des Pfades zu aufwändig ist in diesem sonst unzugänglichem Gebiet; Hochwasser, Lawinen, Eis – sie alle greifen Wege und Brücken hier oben ständig an, weshalb die Wege manchmal verschwinden. Und Behelfsbrücken gibt es nur auf den größeren Routen, sonst müssen Wanderer waten.

Ich saß schon einige Minuten über den Rucksack und die Karte gebeugt und merkte nun, wie eine leichte Kälte die Beine hochzog, das Auskühlen begann. Schnell schnallte ich mein Geschirr wieder auf, griff den Wanderstock, einen 1,2 Meter langen Nußstab, der mich überall hin begleitete, und stob mit einer riesigen Wut gegen mich selbst los, immer das Bild von heute Morgen im Sinn mit einer Felswand und dem roten „T“, der Wegmarkierung. Denn ich hatte mich gesammelt und sah nun genau die Stelle vor mir, an der ich falsch abgebogen war, vielleicht in Gedanken an den gerade abgeschlossenen Lebensabschnitt und den Verlust vieler Annahmen, auf das Leben gegründet waren.

Schluckende Stille, aus der ich fortlaufen wollte

Mein Weg hier führte ins Nicht, seit zweieinhalb Stunden schon bei Kälte, schlechter Sicht und miesem Wetter; der morgendliche Ruf der Berge war zum einem tonlosen, kratzenden Lied, zu einer schluckende Stille geworden, aus der ich davonlaufen wollte. Ich musste zurück, so schnell wie möglich. Ich lief im schnellen Trott und fixierte noch mehr den Boden als sonst, damit meine Sprünge und schnellen Tritte jetzt nicht fehlgingen. Ich kam gut voran, klebte nur über dem Boden, dachte an nichts und dann doch, war leicht beschwingt von der rettenden Erkenntnis und dem guten Ende der Geschichte. Dann kam eine Spitzkehre, dann Schrecken und Stillstand.

Ich stand wie gebannt vor dem eisigen Fluss, über den ich gesprungen war – auch gedanklich, denn in allem Ärger über meine Orientierungslosigkeit hatte ich ihn vergessen. Doch er wartete ohnehin, eisig und zeitlos, mit einer Botschaft: „Keine Chance“. Ich hatte keine Chance, wieder hinüber zu springen, denn vom hiesigen Ufer aus konnte ich keinen Anlauf mehr nehmen, weil sich das Fjell direkt aus dem Fluss erhob und der Pfad schon zwei Armlängen nach dem eisigen Steilufer, auf dem ich vorhin gelandet war, steil anstieg. Außerdem hätte ich leicht bergan springen müssen. Und an Waten war in dem tieferen Eiswasser nicht zu denken; die Hütte war zu weit weg, eine Unterkühlung und deren Folgen sicher.

Leere zog in mich, ein fragender Raum, so weit wie die Ebene, eine klamme Ungewissheit, die der Vorhof tieferer Angst war und mit dem Blick über meine Schulter zu einer klaren, kalten Furcht wurde. Hundert Meter weiter verlief eine eisige Brücke über den Fluss, der direkt dahinter offenbar – so ließen es die Nebelfetzen und ein lauteres Rauschen vermuten –in einen Pool oder einen See abstürzte. Ich verstand, ohne weitere Buchstaben zu denken, dass diese Brücke meine einzige Möglichkeit zur Rückkehr war, die unbedingt anstand. Denn ich hatte weder Zelt noch Handyempfang, war verfroren und nervlich marode, sobald ich anhielt.

Ich hörte über dem Fluss in ihn hinein

Ich kraxelte über Firnschlieren und die verschneiten Felsen des Steilufers und stand kurz darauf auf einer kleinen Freifläche, von der sich die Eisbrücke rund drei Meter über den Fluss zog. Schritt für Schritt, mein Herz trommelte wie eine Djembe im Solo, trippelte ich vor, prüfte jedes Mal mit meinem Stock die Festigkeit des Eises und hörte in Berg, Schnee und Wasser hinein nach möglichem Knacken, Knirschen oder Bersten, nach allem, das angedeutete hätte, dass dieses wildschöne Geschenk des Winters, das zugleich eine der größten Gefahren bisher war, unter mir einzubrechen drohte.

In der Mitte, nach anderthalb Metern, stockte ich kurz und lauschte über dem Fluss noch konzentrierter in die Weite. Doch es war nichts da außer den Lauten des Wassers und den Schlägen meines Körpers, die aber berechenbar waren. Ich setzte den Stab wieder auf, klopfte das Eis ab, trat vorsichtig hin, hörte nach, trat fester, zog den linken Fuß hinterher, stand erneut. Und sprang dann einfach den letzten Meter ungeplant und mit aller Kraft auf einen Felsvorsprung, der frei von Schnee war.

Ich war zurück, auf dem Bauch gelandet mit allem, lag da und schrie. Biss dann in den Schnee, ließ die Kälte durch die Zähne fahren, schluckte den eisigen Klumpen herunter und dachte für eine Weile an nichts mehr. Ich lag nur. Dann brach ich wieder auf, um den richtigen Weg zu nehmen.

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