Nordwärts – eine Forschungsreise nach Skandinavien als Fotoblog

Ich war für teilnehmende Beobachtungen und Interviews bei den schwedischen Samen; dazu aber mehr an anderer Stelle, u.a. in der FAZ und auf Grüner-Journalismus im Rahmen meines Forschungsprojekts „Klimageschichten“. Denn darum ging es: Was denkt ein samischer Journalist, der gleichzeitig traditionell als Rentierzüchter lebt, über den Klimawandel? Wie will er ihn darstellen, beeinflusst er seine Arbeit und sein Leben? Um auch darüber an der Hochschule zu sprechen, bin ich dann einen ganzen Tag mit dem Zug nach Süden gen Oslo gefahren. Das Seminar „Klimajournalismus“ meiner wunderbaren Kollegen vor Ort war, wie schon 2015, eine große Sache. Und ich habe noch mehr spannende Charaktere getroffen und seltsame Sachen gesehen.

Es ist ungewöhnlich, den Bericht über eine Lehr- und Forschungsreise mit einem Kamin und einem Holzlager zu beginnen, doch das Birkenholz, das hier in der eleganten Fjällstation des schwedischen Stora Sjöfallet-Nationalparks lagert, hat sich bei mir festgesetzt. Wenn man hier im Norden reist, sieht man teils stundenlang nur Birken und Birken und wieder Birken. Ich habe mit den Samen vor vielen Birkenfeuern gesessen, der Ofen wurde damit geheizt. Manche der Hütten sind aus Birke genauso wie Kerzenständer, Untersetzer oder Löffel, die mir in Läden begegnet sind. Der weiße Baum ist einer der Stoffe des Nordens. In der Mythologie steht er für Erneuerung, junges Leben und Reinigung – auch bei uns stehen Maibäume. Es sind traditionell Birken.

Mein Gepäck wurde sperriger, als es von Nordschweden nach Oslo ging; die Geweihe sollen Schmuck werden für die Tür. Oder zum Basteln. Die Kinder sind schon gespannt, ich musste sie immer wieder beim Skypen vorzeigen.

Hier kann man es etwas sehen, hinten links stehen die Geweihe heraus. Ich musste am Flughafen auch zum Sperrgepäck.

Und hier sei das schwedische Nationalgericht präsentiert in seiner vollen Pracht: Kjötbullar. Ich hatte einen halben Tag in der nicht ganz so wunderbaren Minenstadt Gällivare und war etwas ausgehungert. Das schien eine Lösung in einem 0815-Restaurant. Letztlich hat mich diese Fracht eher darin bestärkt, noch weniger Fleisch zu essen. Einfach schwere Kost. Sonst nichts.

Meine Tagestasse, die ich leider irgendwo in Oslo habe stehen lassen. Es scheint aber besser als bei uns zu funktionieren: fragen, Kaffee einschenken lassen, gehen, ohne große Erklärungen und Unterweisungen in Hygiene und deutsche Verbrauchergesetzgebungen. Ging eigentlich überall, in Schweden und Norwegen.

Ankunft in Oslo: Hier würde ich an der Høgskolen i Oslo og Akershus (HiOA), auch einer FH, drei Tage „Klimajournalismus“ lehren. Wie schon 2015. Die Stadt ist nicht so groß, daher ist das U-Bahn-Netz übersichtlich. Und funktioniert super, ebenso wie die Busse, Straßenbahnen und Regionalzüge. Habe sie alle ausprobiert – schnelle Taktung, wenig Verspätung, viele Fahrgäste, angenehme und saubere Haltestellen. Nur zum Flughafen gibt es einen schnellen, aber schlecht gekennzeichneten Schnellzug. Ich hatte nur das normale Ticket – und musste dann das zweite lösen, weil ich sonst nicht vom Bahnsteig gekommen wäre.

Roy Kroevel ist genauso, wie er hier wirkt. Sanft, freundlich, lachend. Sehr höflich. Und gleichzeitig mit sehr breiter Bildung, verschiedensten Forschungsgebieten und scharfem Verstand. Er ist Professor für Journalismus und beschäftigt sich viel mit Klimajournalismus und auch Umweltphilosophie – genauer der Tiefenökologie, die in Norwegen, anders als bei uns, im philosophischen Diskurs durch ihren Mitbegründer Arne Naess, dem bekanntesten Philosophen des Landes, einen festen Platz hat. Ich möchte  mittelfristig erste Skizzen für eine ökologische Medienethik entwerfen unter dem Stichwort „Journalistische Ökologie“. Roys Aufsätze und das gemeinsame Seminar waren dafür sehr inspirierend.

An der Hochschule gibt es einen echten Klimaschwerpunkt im Journalismus, mehrere Kollegen arbeiten daran; es gibt eine interne Forschungsgruppe und mit „Media Climate“ ein internationales Netzwerk, dass vor allem von Prof. Elisabeth Eide vorangetrieben wird, die viele gute Bücher veröffentlich. Das letzte ist hier zu sehen.  Mit ihr hatte ich eine Podiumsdebatte vor den 18 internationalen Studierenden des Seminars – sehr anregend, schwungvoll und lehrreich, weil Elisabeth (Jahrgang 1950) sehr viel Erfahrungen im Klimajournalismus hat, als Reportern und Forscherin.

Das klimajournalistische Seminar leitet mein wunderbarer Kollege Andreas Ytterstad, der in der norwegischen Klimaszene eine bekanntere Stimme ist. Er publiziert viel, ist umtriebig und immer darauf bedacht, neue Lehrformen einzusetzen. Von ihm und Roy ließ sich einiges lernen für die eigene Lehre. Schön ist, dass jetzt schon eine Dieburger Studentin in Oslo war und jetzt drei weitere gehen werden – der Austausch in die eine Richtung läuft. Und das war ja das wichtigste Ziel für die Zusammenarbeit.

Die Studierenden kamen aus Frankreich, Deutschland, Österreich, Polen, Italien und Belgien – und Norwegen, davon zwei reguläre Studentinnen und zwei erfahrenere Journalistinnen, die sich von außen in den Kurs eingeschrieben haben. Das geht hier. Es war eine interessierte Gruppe, deren Reportage-Exposés ich abends durchgearbeitet habe. Viel Licht, wenig Schatten. Aber rausgehen ist des Reporters Pflicht, dachte ich mir manchmal. Die Schreibtischperspektive ist recherchefeindlich. Zumindest oft.

Die Hochschule ist ziemlich schick, hipp und modern. Viel Glas, offene Räume, kommunikative Flächen. Da ließe sich auch etwas lernen für zu Hause.

Auf dem Weg zu einem Forschungsinterview für mein Projekt „Klimageschichten“: E-Autos sind normaler Alltag in Oslo, viele sind schon umgestiegen. So könnte es bei uns auch aussehen, wenn die gleichen politischen Instrumente verwendet würden: Steuererleichterungen, Vorfahrtsregelungen, feste E-Auto-Quoten, die erreicht werden müssen. Politik kann gestalten, wenn man Mut hat, aus dem Werkzeugkasten auch die längeren Schrauben zu ziehen. Tesafilm hält nicht so gut, wenn es um Zukunft geht.

Johs Kalvemo ist 68 und arbeitet seit 42 Jahren für Redaktionen des samischen Rundfunks, erst ganz im Norden, in Kautokeino, jetzt in Oslo. Als ich zu Besuch komme, um ihn zu samischem Journalismus zu fragen, war er etwas in Eile, weil er ein Interview vorbereiten musste. Thema: Wie werden samische Kinder in der norwegischen Schulpolitik berücksichtigt. Er hat mir sehr hilfreiche Antworten gegeben – fragt auch die Ältesten; die Regel funktioniert in der explorativen Journalismusforschung immer wieder gut.

Danach habe ich Torbjörn Ekelund getroffen. Das war intensiv und sehr inspirierend. Er ist Journalist und Schriftsteller; zuletzt hat er (auch auf Deutsch) ein Buch über 12 Nächte im Wald rund um Oslo geschrieben. Torbjörn hat auch Harvest mitgegründet, ein norwegisches Portal für Umwelt- und Naturjournalismus, kreativ, auch mit freieren Formen. Die wendet er gerne an, da er sich, ähnlich wie ich, viel mit nature writing und neuen schreiberischen Ansätzen beschäftigt. Neidisch wurde ich, weil er am Folgetag Meerforellen angeln würde. Ich konterte zaghaft mit meinen Rheinhechten, die hie und da mal anbeißen…

Und zum Schluss kam ich mit dem Aufschreiben nicht mehr hinterher, für das Forschungsprojekt, für die FAZ, Blogs, mein Tagebuch. Da ist eine Kneipe mal ein guter Ort, um sich zu sammeln und am letzten Tag in Ruhe Bilanz zu ziehen. Klar ist: Ich komme wieder. Und hoffentlich viele Studierende der Hochschule Darmstadt auch.

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