Am Birkenwasser: dunkle Baumbegegnung

Ich habe eben versucht, ein Stück Birkenrinde abzuziehen und war erstaunt, wie schwer sie es mir machte. Kein Halt haben meine Finger gefunden, um ein erstes kleines Stück anzubrechen und es dann weiterzudrehen; die weißen, narbigen Rinderfenster saßen fest nebeneinander. Erst sahen sie alt und lasch aus, als ob sie gehen wollten. Mit mir gehen wollten. Aber sie haben sich behauptet und ich habe aufgegeben.

Ich habe in den vergangenen 15 Jahren bestimmt mehr über Birken gelesen als sie angefasst. Leicht sei der Baum, hell, ein Pionier auf neuem Boden, schnell im Wachstum und heilsam in der Wirkung, etwa bei Hautekzemen. Das haben sie im Hamburger Kräuterkurs gesagt, und es steht hier im Regal in den Führern. Die Birke vorhin hatte einen anderen Charakter. Sie besteht in einem kleinen Auwald, dem Darmbachtal, neben größeren und dunkleren Gesellen, Buchen die meisten. Hat große Birkenschwämme an sich, die ganz gerade von ihr abstehen. Stark, fest, schwarz, das war sie viel mehr als hell, weiß und voller Aufbruch.

Sie ist eine der wenigen Birken an dem Zusammenfluss kleinerer Bäche, der Birkenwasser heißt und an dem ich das letzte Mal vielleicht vor 20 Jahren war. Wir haben mit der Schule Staudämme hier gebaut, es gab einen offenen, maroden Spielplatz, ausgetretene, sommerwarme Erde, einen Holztisch mit Bänken. Es gab viele Geburtstage, immer mit Staudämmen. Heute ist nur die Aue da, die Spielgeräte sind fort. Ich werde für meine Kinder eine andere Stelle suchen zum Dämmebauen. Die Birke besuche ich wahrscheinlich dennoch, weil sie mir untypisch erscheint. Das nehme ich mir zumindest jetzt vor.

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Eigenworte: Vom Schreibheilen

Täglich frei zu dichten

legt fern

sich kläglich oft zu richten

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Postwachstums-Verse (1)

Was kommt
vor dem
Wachstum?
Wachstum

Was kommt danach?
Ebendies.

Und was kommt
vom Wachstum?
Wachs.Tum.

Was steht daneben?
Wir
Langweilig zuzusehen.

Neuer Versuch: Was kommt
ohne Wachstum?
Wachstumsklagen und
“Minuswachstum”

Vielleicht einmal
Erreichttum?

Dann könnten wir anhalten
ein neues Wort einfallen lassen
So bleibt es Kreiseln das
das Morgen zum Jetzt
und Gestern zum Gleich-Wieder macht
sodass Vorsorgen und Absichern
die Momente nehmen

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Vogesen-Zauberwald – zwei Stunden, einige Sätze

Ich habe so einen Wald in der Nähe, es sind drei Stunden, noch nie gesehen. Moosüberwachsene Felsen türmen sich immer höher auf entlang eines Hangs, der steil ansteigt bis hinauf zu den Wänden aus Dunst. Zottige Kiefern und Fichten im Herbstnebel. Kälte. Zwielicht. Steine, die zu Figuren im Halbdunkel des Waldes wachsen – mehr und mehr, je höher der Berg ansteigt. Höhlen reißen schwarze Flecken in die Szenerie, schauen uns aus Felsblöcken heraus an. Wir stehen schweigend und antworten nicht, auch die Kinder werden ruhig. Andacht. Es gibt keine Gewöhnung daran, auch nicht nach einer Stunde. Der Ort: Vogesen, bei Gérardmer.

 

 

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Wandelworte: neues Buch von Naomi Klein

Erscheint 2015 in Deutsch, ein großer Erfolg in den USA – und eine klare Ansprache grundlegender Probleme. Wenn wir über Nachhaltigkeit sprechen wollen, ist das ein Kern. Eine Rezension gibt es in der Vogue zu lesen.

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Wandelworte: Fritz Vorholz, Journalist

Fritz Vorholz, DIE ZEIT, 22-2014: Hört doch mal auf Brüssel!

 

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Waldworte: Sylvain Tesson, Schriftsteller

„Eines Tages ist man es plötzlich müde, von „Nullwachstum“ und Naturliebe zu reden. Man verspürt den Drang, Ideen und Taten zur Deckung zu bringen. Es ist Zeit, die Stadt zu verlassen und hinter all den Sonntagsreden den Vorhang der Wälder zuzuziehen.“

 Sylvain Tesson: In den Wäldern Sibiriens. Tagebuch aus der Einsamkeit. München 2014, S. 40.

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Wandelworte: Frank Uekötter, Umwelthistoriker

Die Menschen von heute wollen aber nicht nur ökologische Nachhaltigkeit, sondern auch Partizipation, soziale Gerechtigkeit, kulturellen Respekt, Resilienz im Fall einer Krise. Wer dem Klimaschutz Vorrang vor allen anderen Interessen einräumen möchte, klingt verdächtig wie ein Förster, der alles Heil bei den Fichten sucht. (…)

 Nachhaltigkeit ist kein Zauberschlüssel, sondern eher ein grober Kompass, und nachhaltige Politik hat wie jede andere auch Risiken und Nebenwirkungen. Ein Denken in langen Zeiträumen verführt zur Unempfindlichkeit gegenüber dem Hier und Jetzt: Dass die Stromarmut just in einer Zeit entdeckt wurde, in der Politiker(innen) und Expert(inn)en im Zeichen der Energiewende mit Zielvorgaben für 2030 oder 2050 jonglierten, ist da nur der jüngste Beleg. (…)

Sollte man deshalb Abschied nehmen von dem Begriff? Letztlich würde das wohl eher auf eine talmudische Lösung hinauslaufen. Nach den Erfahrungen der vergangenen Jahrzehnte spricht mehr für das hartnäckige Nachfragen: Was genau ist mit “Nachhaltigkeit” gemeint, welche materiellen und immateriellen Ressourcen erfordert die jeweils postulierte Politik, welche anderen Interessen sind davon tangiert, und wie geht man damit um? Wenn dann nur die altbekannten Worthülsen kommen, weiß man immerhin Bescheid.

Frank Uekötter: Ein Haus auf schwankendem Boden: Überlegungen zur Begriffsgeschichte der Nachhaltigkeit. In: Aus Politik und Zeitgeschichte, 31/32 2014

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Wandelworte: Rem Koolhaas, Architekt

“Ökologie ist das Ornament des 21. Jahrhunderts” – Rem Koolhaas, Architekt

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Nordworte: Knud Rasmussen, Polarforscher

Knud Rasmussen: Unter Jägern und Schamananen. Unionsverlag 2006, S.10.

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Wandelworte: Hans Jonas, Philosoph

Daß unser irgendwo einmal im All aufgefangenes Signal keine Todesanzeige sei, damit haben wir alle Hände voll zu tun. Kümmern wir uns um unsere Erde. Was immer es draußen geben mag, hier entscheidet sich unser Schicksal und mit ihm so viel vom Schöpfungswagnis, wie an diesen Ort geknöpft, in unsere Hände geraten ist, von uns betreut oder verraten werden kann. Sorgen wir uns darum, als ob wir in der Tat einzig wären im All.

Hans Jonas: Geist, Natur und Schöpfung. Kosmologischer Befund und kosmogonische Vermutung. In: Hans-Peter Dürr/ Walter Ch. Zimmerli (Hg.): Geist und Natur. Über den Widerspruch zwischen naturwissenschaftlicher Erkenntnis und philosophischer Welterfahrung, München: Scherz 1989, S. 61- 77.

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Waldgänge

Es ist der Wald hier gleich an der Straße, wenige Schritte von uns, nur nicht am großen Weg sondern entlang eines versteckten Pfads, seine Ränder sind durchwühlt von Wildschweinen, die Kuhlen und Löcher schlagen. Kaum eine Stelle ist unberührt. Daneben fast lückenlose Bodenteppiche von Scharbockskraut, das einst gegen Skorbut half seines Vitamingehalts wegen. Der Förster hat beschlossen, den Wald hier am Rande der Straße nach Dieburg sich selbst zu überlassen. Deshalb gleiten wir mit jedem Schritt weiter hinein in eine andere Sphäre. Hier ist kein aufgeräumter Forst oder schöner Mischwald. Hier ist Wildnis. Hier tobt das frühe Jahr in Stille und Schönheit, erreichen uns Würde und Aufbruch. Alte Stämme liegen tot in den Scharbockskrautteppichen, willkürlich verteilt und so in guter Ordnung. Sie leben, sind voller Moose, schimmern in Hellgrün und dunkleren Tönen durch den feuchten Wald. Dann das Fastsmaragd der jungen Buchen, die Farbe, die sie nur jetzt haben bis in den Mai hinein. Und die dampfende Stille. Der Wald dampft leicht, der Morgen ist fast vorbei, er ist ein lichternes Dunkel, ein Grünbad, das hinten als zarte Wand endet, eine, die Fragen stellt, was nach ihr kommt. Doch jetzt stehen wir nur und schauen auf alles.

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Ein Nachhal(l)tigkeitsgedicht

Ist der Hall des Wortes
in Anhalt
bei einem Halt
nach Halle
stärker als
bei einem Halt danach?

Und wer hält
die Haltlosigkeit
nachher
nachträglich
nach?

Bevor das Hallenwort
im Nachspann
ganz verstummt
und dann
nachts nur noch
seine Agenten
das Licht darinnen sehen

 

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Züge als Themenfundgrube und Stimmungswaschmaschinen

Ich fahre viel Zug, was für die Themenfindung gut ist, weil ich höre, was Ingenieure, Bänker, Handwerker, Opernsänger oder andere Spezies so denken. Manchmal entsteht bei den Blicken aus dem Zugfenster, oder auch in den Raum dazwischen, eine  eigene Stimmung, die am äußersten Rande des normalen entsprechenden Barometers steht und sich daher nur mit Worfetzen skizzieren lässt. Etwa so:

Driftwärts (ICE)

An schalen Ufern
Züge grauen Wassers
schon gelbes Gras
Lufthauch kalt

Morgenfeucht
Rufe von weit her
Land bis zum Augenende
niemand hört
Laub und Acker

Karges Holz und Lichterflucht
Stehend reisen
vor alledem

Setzt sich
zieht herunter
sitzend sehen
voller Landschaften

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Interview Naturjournalismus: „Die Leitmedien sind mit Blindheit geschlagen“

Im Magazin Natur, für das ich nun schreibe, ist ein Interview aus dem Band “Umwelt Europa” online publiziert worden. Es handelt sich um ein Gespräch mit meinem Chefredakteur Martin Meister über Natur und Journalismus. Darin werden auch Fragen nach der medialen Rolle gestellt, etwa: Darf ein Journalist Mitglied eines Umweltverbandes sein? Und es geht darum, dass viele Medien womöglich eine Lücke übersehen haben: Arten und unser natürliches Interesse für sie.

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Im Reich der Bären

Die Finnmark von Orsa in Schweden ist eines der besten Bärenreviere in Skandinavien. Ein deutsches Paar erforscht die Raubtiere und führt Besucher tief in ihr Reich hinein. Mehr bei Merian.de

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Buddhistische Zugänge zu Umwelt und Nachhaltigkeit – selten aber gehaltvoll

Ich habe mich in den vergangenen Jahren durch einige buddhistische Werke gekämpft, vor allem Dalai Lama-Bücher, deren kluge Botschaften sich allerdings irgendwann etwas wiederholen. Immer dacht ich, dass es doch auch Verbindungen zum ökologischen Denken geben müsste, da die buddhistische Philosophie so viele Ansätze dafür bereit hält: Jedes Lebewesen ehren, die Lehre der gegenseitigen Abhängigkeit und des bedingten Entstehens, ja selbst die Wiedergeburt, wenn man sie im klassischen Sinne begreift. Dennoch habe ich keine Texte gefunden, die explizit zu Umweltschutz und grünem Denken Bezug nehmen. Bis ich auf die Seite „Buddhanetz“ gestoßen bin, wo zahlreiche Texte versammelt sind. Darunter auch Thesen von Thich Nhat Hanh, der in seinen Büchern durchaus hie und da bewusst den Bezug der Lehre zur Ökologie herstellt. Viel Spaß beim Lesen!

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Eine globale Zeremonie: Schamanen warnen vor dem Klimawandel

Ich habe gerade einen Bildband gelesen, der mich beeindruckt hat – nicht unbedingt wegen der Bilder sondern der Botschaft, die das Projekt aussendet, um das es geht: 2009 trafen sich Schamanen und Heiler aus aller Welt, um nach langer Zeit in Grönland wieder ein heiliges Feuer zu entfachen und damit auf die Folgen des Klimawandels hinzuweisen, unter denen die indigenen Völker besonders leiden. Das Buch stellt verschiedene Schamanen aus Afrika, Neuseeland, Kanada, den USA, Brasilien und Russland vor – und lässt sie von ihren Visionen und Überzeugungen berichten. Auch Jane Goodall nahm an der Zeremonie teil. Der Band erinnert insgesamt daran, dass altes Wissen von kundigen Beobachtern verloren geht oder kaum gehört wird. Und dass es lohnt, hinzuhören, wenn Naturvölker und ihre Boten von bedrohter Natur sprechen. Und wie es gelingen kann, den Bedrohungen entgegenzutreten. Das Buch heißt „Heiliges Feuer – Schamanen und Älteste der Welt“ und ist von Angela Babel und Sven Nieder verfasst.

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Moschus-Gefahr

Wilde Tiere, vor denen man gewarnt wird, gibt es in Europa nicht so viele. Man denkt vielleicht noch an Wolf und Bär. Aber nicht an die augenscheinlich kuhartigen aber doch ziegenverwandten Moschusochsen, die im norwegischen Rondane-Nationalpark, wo wir kurz Rast machten, offensichtlich eine warnenswerte Gefahr darstellen, wie das mit der Hüftschusstechnik gemachte Bild beweist. Wildes Europa, Du lebst!

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Wie aus Paragrafen neue Wildnis wird (Eigentext)

Die EU trägt mit ihrer Umweltpolitik maßgeblich dazu bei, dass wilde Tiere zurückkehren können und ihre Lebensräume geschützt sind. 

Die Wildnis kehrt nach Europa zurück, doch sie tut es nicht von allein. Der Mensch hilft nach – insbesondere Naturschützer, die in Europa seit Jahrzehnten für bedrohte Arten kämpfen. Gelege bewachen, Bestände zählen oder Jungtiere auswildern. Ohne dieses Engagement könnten sich verloren gegangene Wildtiere kaum wieder ausbreiten. Das wilde Europa hat auch einen politischen Rahmen: Jagdverbote, Schutzgebiete und Wiederansiedlungen, die Staaten auf den Weg gebracht haben – und damit die Europäische Union zu mutigen Gesetzen inspirierten. Den Anfang machte die EU mit der Vogelschutz-Richtlinie, die eine Antwort auf die Vogeljagd in Südeuropa war. Als sie 1979 in Kraft trat, unterlagen mit einem Mal alle europäischen Vogelarten einem Jagdverbot, das nur wenige Ausnahmen kennt (mehr zu lesen bei GEO.de).

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