Geschichten von Stein und Sein: Dalamot

Nach zwei Stunden entlang eines Fjellpfades, der mich durch Nebelbänke und kalte Luft immer weiter nach oben in die Hardangervidda führte, war ich im Eis angekommen; vor mir Schneefelder, deren Einsamkeit ich noch nicht erkannt hatte; schattige, grau-weiße Felshänge mit gelben, verblichenen Heideresten, Geröllhalden im Dunst, die Stille der hohen Ebene. Nur das leise Konzert des Schneeflusses war zu hören, der nun, nach einer Biegung des Pfades, jäh meinen Weg hinauf versperrte.

Struppige Eiszapfen und die weißen Wellen der Schneeverwehungen säumten des Lauf des zwei, vielleicht drei Meter breiten Flusses bis in die Nebelbänke hinein, aus denen er mir entgegenkam, um hier seinen Lauf zu ändern und sich ins Tal aufzumachen. Es gab keine andere Möglichkeit, um hinüberzukommen und weiterzulaufen – sechs Stunden noch auf die Hütte Viveli zu – als ein Sprung ans andere Ufer. Ich hatte genug Anlauf auf dem hier abfallenden Pfad, festen Grund unter den Füßen und konnte auch leicht bergab springen, weil der Pfad am anderen Ufer leicht abfiel. Ich schnallte ab und warf den Rucksack vor, lief zweiter Meter zurück, rannte an und sprang hinterher.

Nieselregen setzte ein, ich die Mütze auf

Beglückt von der abenteuerlichen Unterbrechung des bis dahin gleichförmigen Weges durch diesiges Fjelll, liefe ich weiter und weiter, durch klamme Nebelbänke und vorbei an Felsburgen, setzte über kleine Bäche und Rinnsaale, die Augen der Vidda, die überall sind, und stieg durch immer neue Schneefelder. Nieselregen setzte ein, ich die Mütze auf – kam aber gut voran, auch bei schlechter werdender Sicht.

Doch mit einem Mal stimmte etwas nicht mehr, eine unbestimmte Ahnung kam auf. Ich hielt auf einem Schneefeld inne und schaute um mich, soweit das in den Winterschlieren noch möglich war, die den Sommerwanderer hier oben im subpolaren Geläuf nun fast ganz eingefangen hatten. Jetzt begriff ich, was es war – oder was nicht war, fehlte: die Fußspuren anderer Wanderer in den Schneefeldern. Auch wenn sie Monate alt sind, sie sind in der viel bewanderten Vidda immer da und Garanten dafür, dass schon andere gegangen sind, wo ich gerade gehe.

Hier, wo ich jetzt stand, in einem abschüssigen und mit großen Steinblöcken durchsetzten Schneefeld, gab es keine einzige Spur mehr. Und so schossen mich die Gedanken hinaus aus der Wanderlust und hinein in zeternde Erinnerungen an die vergangenen beiden Wegstunden nach dem Start an der Hütte Stavali um acht Uhr morgens: Ohne Spuren, so war der ganze, immer unkenntlicher gewordene Pfad die ganze Zeit schon gewesen, ganz so wie die anderen Schneefelder und Eisflächen, die ich durchquert hatte. Ein Schauder durchfuhr mich; ich begriff, dass ich mich verlaufen hatte und schon lange in die falsche Richtung gegangen war.

Die Nadel zeigt nordwärts, zu einem hoffnungslosen Platz

Ich kniete an einer Felswand nieder, klaube die Karte auf dem Rucksack und breite sie auf ihm aus. Nahm den kleinen Kompass dazu, den ich zusammen mit anderem Zeug noch schnell im Ausverkauf eines verschlissenen Berliner Outdoorladens gekauft hatte. Ich hielt ihn still, und die Nadel zeigte nordwärts. Nicht nach Osten, wie ich glaubte. Mein Blick wanderte die Karte hinauf, den falschen Pfad entlang und weiter über kleine Flüsse hin zu den enger werden Höhenlinien, die bis auf 1583 Meter führen, unten ein einsames Tal, Jolabotnen, danach der Berg Sovarenuten und dann der Zielpunkt dieses nicht mehr belaufenen Pfades: Dalamot, wo eine Hütte eingezeichnet war, die sicher nicht mehr betrieben wurde.

Ich war unterwegs zu einem hoffnungslosen, verlassenen Platz in der Vidda, der einmal marschierende Vorgänger anzog, jetzt aber aufgegeben worden war, wohl weil die Instandhaltung des Pfades zu aufwändig ist in diesem sonst unzugänglichem Gebiet; Hochwasser, Lawinen, Eis – sie alle greifen Wege und Brücken hier oben ständig an, weshalb die Wege manchmal verschwinden. Und Behelfsbrücken gibt es nur auf den größeren Routen, sonst müssen Wanderer waten.

Ich saß schon einige Minuten über den Rucksack und die Karte gebeugt und merkte nun, wie eine leichte Kälte die Beine hochzog, das Auskühlen begann. Schnell schnallte ich mein Geschirr wieder auf, griff den Wanderstock, einen 1,2 Meter langen Nußstab, der mich überall hin begleitete, und stob mit einer riesigen Wut gegen mich selbst los, immer das Bild von heute Morgen im Sinn mit einer Felswand und dem roten „T“, der Wegmarkierung. Denn ich hatte mich gesammelt und sah nun genau die Stelle vor mir, an der ich falsch abgebogen war, vielleicht in Gedanken an den gerade abgeschlossenen Lebensabschnitt und den Verlust vieler Annahmen, auf das Leben gegründet waren.

Schluckende Stille, aus der ich fortlaufen wollte

Mein Weg hier führte ins Nicht, seit zweieinhalb Stunden schon bei Kälte, schlechter Sicht und miesem Wetter; der morgendliche Ruf der Berge war zum einem tonlosen, kratzenden Lied, zu einer schluckende Stille geworden, aus der ich davonlaufen wollte. Ich musste zurück, so schnell wie möglich. Ich lief im schnellen Trott und fixierte noch mehr den Boden als sonst, damit meine Sprünge und schnellen Tritte jetzt nicht fehlgingen. Ich kam gut voran, klebte nur über dem Boden, dachte an nichts und dann doch, war leicht beschwingt von der rettenden Erkenntnis und dem guten Ende der Geschichte. Dann kam eine Spitzkehre, dann Schrecken und Stillstand.

Ich stand wie gebannt vor dem eisigen Fluss, über den ich gesprungen war – auch gedanklich, denn in allem Ärger über meine Orientierungslosigkeit hatte ich ihn vergessen. Doch er wartete ohnehin, eisig und zeitlos, mit einer Botschaft: „Keine Chance“. Ich hatte keine Chance, wieder hinüber zu springen, denn vom hiesigen Ufer aus konnte ich keinen Anlauf mehr nehmen, weil sich das Fjell direkt aus dem Fluss erhob und der Pfad schon zwei Armlängen nach dem eisigen Steilufer, auf dem ich vorhin gelandet war, steil anstieg. Außerdem hätte ich leicht bergan springen müssen. Und an Waten war in dem tieferen Eiswasser nicht zu denken; die Hütte war zu weit weg, eine Unterkühlung und deren Folgen sicher.

Leere zog in mich, ein fragender Raum, so weit wie die Ebene, eine klamme Ungewissheit, die der Vorhof tieferer Angst war und mit dem Blick über meine Schulter zu einer klaren, kalten Furcht wurde. Hundert Meter weiter verlief eine eisige Brücke über den Fluss, der direkt dahinter offenbar – so ließen es die Nebelfetzen und ein lauteres Rauschen vermuten –in einen Pool oder einen See abstürzte. Ich verstand, ohne weitere Buchstaben zu denken, dass diese Brücke meine einzige Möglichkeit zur Rückkehr war, die unbedingt anstand. Denn ich hatte weder Zelt noch Handyempfang, war verfroren und nervlich marode, sobald ich anhielt.

Ich hörte über dem Fluss in ihn hinein

Ich kraxelte über Firnschlieren und die verschneiten Felsen des Steilufers und stand kurz darauf auf einer kleinen Freifläche, von der sich die Eisbrücke rund drei Meter über den Fluss zog. Schritt für Schritt, mein Herz trommelte wie eine Djembe im Solo, trippelte ich vor, prüfte jedes Mal mit meinem Stock die Festigkeit des Eises und hörte in Berg, Schnee und Wasser hinein nach möglichem Knacken, Knirschen oder Bersten, nach allem, das angedeutete hätte, dass dieses wildschöne Geschenk des Winters, das zugleich eine der größten Gefahren bisher war, unter mir einzubrechen drohte.

In der Mitte, nach anderthalb Metern, stockte ich kurz und lauschte über dem Fluss noch konzentrierter in die Weite. Doch es war nichts da außer den Lauten des Wassers und den Schlägen meines Körpers, die aber berechenbar waren. Ich setzte den Stab wieder auf, klopfte das Eis ab, trat vorsichtig hin, hörte nach, trat fester, zog den linken Fuß hinterher, stand erneut. Und sprang dann einfach den letzten Meter ungeplant und mit aller Kraft auf einen Felsvorsprung, der frei von Schnee war.

Ich war zurück, auf dem Bauch gelandet mit allem, lag da und schrie. Biss dann in den Schnee, ließ die Kälte durch die Zähne fahren, schluckte den eisigen Klumpen herunter und dachte für eine Weile an nichts mehr. Ich lag nur. Dann brach ich wieder auf, um den richtigen Weg zu nehmen.

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Alltagsökololgie?

Je mehr wir die Erde ausbeuten, desto stärker zieht es uns zu ihr hin – sichtbar oder subtil, gezielt oder unbewusst, gar rein symbolisch. Oder gewollt und kämpferisch. Und je stärker wir auch Technologien und das Unbelebte betonen, desto stärker wird unser Ruf nach Lebendigkeit und Organischem. Wir können es so belassen und weiter stolpern. Oder die Naturbewegungen, vor allem die ungeordneten, unsichtbaren und richtungslosen Fluchtläufe und Reflexe unserer Erdwesenhaftigkeit, weithin Formen zu einer Kultur der Alltagsökologie, die das Sein in aller Turbodigitalität gesunden lässt.

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Nantesbuch

 
Brown house, viking ship
green tongues around
we get out
 
Walk, talk
suck
 
Mountains reign
some rain
we sail across with
windy words
 
New coastlines
in the valleys
 
Getting back now
to Nantesbuch, Norway, Nextlands

Harbour of sentences
where we swom in
we’re so wet now
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Waterman

To start as
a waterman
 
To pray
to be
patient
be
people’s eyes
in forgotten places
 
To walk
as a trout would swim
through woods
as if
they were rivers
full of blue stones
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Aktuelle Texte 1/2018 (Wissenschaft, Journalismus und Literatur)

-       Geschichten als Chance. Erzählformen im Umweltjournalismus. In: Politische Ökologie 152/2018, „Grüntöne. Die Medien und die Große Transformation“ , S. 83-90.

-       Peter Seeger, Torsten Schäfer: Slow Media – Ein Beitrag zur medialen Nachhaltigkeit. In: Politische Ökologie 152/2018, „Grüntöne. Die Medien und die Große Transformation,“ S. 106-112.

-       Klimageschichten – Zukunft denken. Ein journalistisches Begleitprojekt. In: Friedrich-Ebert-Stiftung (Hrsg.): Klimapolitik der nächsten Generation. Ergebnisse einer jungen Ideenwerkstatt als Jugendbeteiligungsprojekt zur COP23 S. 34-35. URL: https://www.fes.de/index.php?eID=dumpFile&t=f&f=31426&token=f4eaa6fe4c8ea64331195603ead85fc2d7f6b669

-       Grüner Journalismus – Zum Spannungsfeld zwischen Neutralität und Transformation. Beitrag im Tagungsband zur Konferenz „Große Transformation und die Medien – Alternativen zum Wachstum als Leitbild der Kommunikation“. 10. bis 11. Juli 2017 , Evangelische Bildungsstätte auf Schwanenwerder in Berlin.

-       Dichter Schwarm. Zur Pluralisierung, Differenzierung und Kooperation von Umwelt-NGO. Eine journalistisch-praktische Analyse am Fallbeispiel der EU-Fischereireform. In: Rademacher, Lars, Remus, Nadine (Hrsg.): Handbuch NGO-Kommunikation. Springer VS 2018. S. 397-404. URL: https://link.springer.com/chapter/10.1007/978-3-531-18808-9_22

-       Nature Writing-Kolumne „Geschichten von Stein und Sein“: http://www.geo-naturpark.net/deutsch/nachhaltigkeitsziele/Kolumne-6.php

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„Unter Waldmenschen“ – wie DarmstädterInnen mit, vom und im Wald leben. Ein Porträtprojekt im BA “Onlinejournalismus”..

Das Projekt will die Vielfalt der menschlichen Beziehungsverhältnisse zum Wald aufzeigen und auch deutlich machen, wie sehr wir emotional und kulturell vom „Psychotop“ der Wälder abhängen. Das waldreiche Darmstadt bietet hierfür besonders gute Bedingungen, da es ganz verschiedene Orte und damit auch Menschen gibt, die tiefergehender mit dem Wald zu tun haben, sei als Arbeitsort im Forst, als Quelle der Inspiration für ihre Kunst oder Raum des Entdeckens für Kinder, die einen der neuen Waldkindergärten besuchen. All diesen Orten werden sich die studentischen AutorInnen im Sommersemester 2018 behutsam nähern und den Blick darauf werfen, welche Bande zwischen diesen Menschen und dem Wald als sozialem und ökologischem Raum entstanden sind.

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Zur Dialektik von Digitalität

Den Blick auf Digitalität zu richten bedeutet gleichzeitig immer auch, in Problembearbeitungen und Lösungssuchen die Perspektive auf die organische Wesenhaftigkeit des Menschen und damit seine Existenz als haptisches Naturwesen einzunehmen und daraus hervorgehend einen dialektischen Betrachtungsprozess zu entwickeln, in dem ein stetes Hin- und Herpendeln, ein Aufspreizen und Einfahren, zu den Kongruenzen führt, die Gesellschaft und Individuen gut tun, weil sie deren natürliche biologische und psychologische Prägungen sowie Begrenzungen respektieren.

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Wildnisbäder

Wir brauchen täglich
Technologiebrüche
Wildnisbäder
Mußeorte
 
Sonst werden wir
zu monoton
zu monetär
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Ent- und Beschleunigung im Beruf, Gedanken am Rande des Master-Seminars “Medien, Zeit und Achtsamkeit”

Dieses Bild habe ich am letzten Zipfel der Lofoten gemacht, vor einem Aufstieg auf den hinteren Berg

Diese Gedanken entstanden nach einem Studienseminar an der Hochschule Darmstadt zum Themenkreis “Medien, Zeit und Achtsamkeit”:

Wie lautet das Paradigma unserer Zeit, als Paradoxon gedacht, dem sich Menschen in vielen Berufen heute stellen müssen? Sie sind aufgefordert, mit zunehmend weniger KollegInnen in stets kürzerer Zeit bei rasant steigendem Informationsangebot mit immer neuen Technologien fortwährend komplexer werdende Themen in ansprechenderer bzw. besserer Weise zu bearbeiten im Hinblick auf einen höheren Profit des Gesamtsystems (z.B. Unternehmen), dessen Teil sie sind. Kern dieser Steigerungslogik ist, so lange man sie als Momentaufnahme versteht, das ökonomische Effizienzparadigma als Hauptthese unseres Wachstumsmodells. Entzieht man sich der momentanen Perspektive, verzeitlicht das Paradoxon stärker und setzt es in den Kontext etwa eines ganzen Arbeitstages, so vervielfältigt sich die Anforderung sofort in eine unbestimmte Quantität. Denn sie könnte gar für eine Stunde gelten, in der die Ansprüche gegenüber der kommenden Stunde erfüllt werden müssen. Oder nur für eine Minute. Womöglich Sekunden, in manchen Berufen, an der Börse etwa. Nur was macht diese Arbeitsanforderung, die sich gegenüber vordigitalen Ansprüchen durch ihre Mehrdimensionalität unterscheidet, mit uns – als Gesellschaft sowie den einzelnen Menschen?

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Vier fotografische Erinnerungen an den vergehenden Odenwälder Herbst

Die Forellen bissen schnell; das Messer habe ich nach der Lapplandreise unbedingt kaufen müssen. Und wir malen viel, die Kinder vor allem, ich male derzeit viele Bäume, keine bestimmten aber. Es könnten auch Walnussbäume sein, unter denen wir viele Nüsse gefunden haben vor ein paar Wochen. Die klare Herbstluft brachte sogar an einem eher unpoetischen Ort eine melancholische Stimmung des vergehenden Tages in die Gedanken: am Campus in Dieburg, kurz nach der letzten Vorlesung.

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Drei herbstliche Bilder

Ein Feuersalamander tauchte im Regen auf, als wir begannen, den Nibelungensteig an der Bergstraße zu gehen, von Zwingenberg aus nach Schlierbach als erste Etappe

Dieses Hagebuttenrot leuchtete von einer Hecke aus eine sonst grau-beige Feldflur völlig aus und brachte noch tagelang Farbe in das Esszimmer

Unverhofft kamen sie über uns vor der Bibliothek des Dieburger Mediencampus - mehrere V-Formationen laut trompetender Kraniche, die über Südhessen zogen. Ich habe sie schon öfter gesehen in der Region, aber noch nie so viele zusammen

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In Lappland

“Wo die Herden ziehen, die Flüsse fließen und die Wälder beginnen, da werdet ihr mich finden” (T.B.H.) Mehr Bilder samt Reportage zur Rentierzucht in Lappland gibt es hier bei der FAZ -  es war definitiv eine geglückte Wildnissuche.

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Nordwärts – eine Forschungsreise nach Skandinavien als Fotoblog

Ich war für teilnehmende Beobachtungen und Interviews bei den schwedischen Samen; dazu aber mehr an anderer Stelle, u.a. in der FAZ und auf Grüner-Journalismus im Rahmen meines Forschungsprojekts „Klimageschichten“. Denn darum ging es: Was denkt ein samischer Journalist, der gleichzeitig traditionell als Rentierzüchter lebt, über den Klimawandel? Wie will er ihn darstellen, beeinflusst er seine Arbeit und sein Leben? Um auch darüber an der Hochschule zu sprechen, bin ich dann einen ganzen Tag mit dem Zug nach Süden gen Oslo gefahren. Das Seminar „Klimajournalismus“ meiner wunderbaren Kollegen vor Ort war, wie schon 2015, eine große Sache. Und ich habe noch mehr spannende Charaktere getroffen und seltsame Sachen gesehen.

Es ist ungewöhnlich, den Bericht über eine Lehr- und Forschungsreise mit einem Kamin und einem Holzlager zu beginnen, doch das Birkenholz, das hier in der eleganten Fjällstation des schwedischen Stora Sjöfallet-Nationalparks lagert, hat sich bei mir festgesetzt. Wenn man hier im Norden reist, sieht man teils stundenlang nur Birken und Birken und wieder Birken. Ich habe mit den Samen vor vielen Birkenfeuern gesessen, der Ofen wurde damit geheizt. Manche der Hütten sind aus Birke genauso wie Kerzenständer, Untersetzer oder Löffel, die mir in Läden begegnet sind. Der weiße Baum ist einer der Stoffe des Nordens. In der Mythologie steht er für Erneuerung, junges Leben und Reinigung – auch bei uns stehen Maibäume. Es sind traditionell Birken. Weiterlesen

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Drei Gedichte

Treffen

Draußen ist

außer Natur

nur das Ich

Wir setzen uns nieder

rauchen und sind

zusammen Nebel

aus dem das Morgen

fließt und wächst

Übersetzen

Natur zu

Sprache machen

über Flüsse

setzen

Sprache verteilen

auf Erfolg

hoffen

Nederland (Rocks Mountains, Colorado, im Mai)

Das Gleißen des Sees

Nederland oben

Blaues Weiß über mir

Countrylieder

wehen aus Fenstern

Das Bergcafé

gleich wieder auf der Straße

Nur noch dem Adler folgen

über dem Dorf

Die Luft mich schneiden lassen

Gesichter auskosten

den Moment

zu Ende schmecken

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Was ein Kinder-Strohhalm in der Pfütze mit Poesie zu tun hat

Es war ein wilder Moment in der vollen Stadt und ein großer Drang nach der Essenz des Seins, dem Wasser. Auch daher kann ich es insgesamt nur als wunderbaren poetischen Gedanken sehen, der am Samstag in die Sinne meines kleinen Sohnes eintrat, mitten beim Schlendern über das verregnete Darmstädter Heinerfest, dem „vielfältigsten Innenstadtfest des Landes“, wie die Superlativsucher des Festmarketings überall haben plakatieren und anpinnen lassen. Es regnete. Es war wenig los. Unser Sohn, der zur sehr konkreten Tagträumerei neigt, wollte, so seine Erklärung später, mit dem Strohhalm „den Regen aus der Luft trinken. Weil das aber nicht geht, bin ich zur Pfütze“. Er war plötzlich abgetaucht und niedergekniet, um mit dem Halm zu einem tiefen Zug aus einer mittelgroßen Pfütze anzusetzen, die sich neben einer der leblosen Buden gebildet hatte. Irgendwer, ich war es vielleicht selbst, fischte ihn im letzten Moment von der Straße. „Nö“ sagte er auf die direkte Frage, ob er daraus getrunken habe. Dann kam aber der eigentliche, größere Moment: Eine Truppe Trunkenbolde, die sich hüftschwankend schon vorher im Schraubenzieherschießen mit den ewig schiefen Luftgewehren versucht hatte, jubelten meinem Sohn zu. Großes Johlen, deftige Glückwunsche, breites Grinsen – alles, was sie noch konnten, weil seine Pläne in diesem Moment irgendwie ihrer eigenen, flüssigen Logik entsprachen. „Gell de Borsch griggt dohoam nix Gescheides?“, fragt einer, um dann leicht schwankend die Pranke auszufahren und mit unserem Vierjährigen einzuschlagen, was der tat. Und uns danach mit unbändigem Stolz angrinste. Er war in den Kreis der Großen aufgenommen, wieder einmal. Und es waren sehr große dabei. Ich überlegte und antwortete schnell irgendetwas, um gleichzeitigt ein paar Meter zu machen. Nur weg. Dabei war alles eigentlich ziemlich entspannt. Und für den Kleinen eine sehr große Sache, wie mir im Nachhinein klar wurde. Es war der coolste Moment des Tages für ihn, besser als Eis, Karussell oder dergleichen, ganz sicher.

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Rentier-Test im Taunus bestanden, Lappland kann kommen

Ich war gestern sehr gespannt, wie mein Rentier-Test im Taunus ausgehen würde: die Nase tief ins Fell stecken und warten, was passiert. Einige Stunden später war ich erleichtert, denn es war nichts passiert. Ich habe keine Allergie gegen Rentiere und kann im September nach Lappland fahren, um dort mit einem Photojournalisten und Rentierzüchter umherzuziehen und zu erfahren, wie die indigenen Sámi mit dem Klimawandel leben – und gerade die, die nach wie vor Rentierzucht betreiben, die in vielfacher Weise von Klimaveränderungen betroffen ist. Denn Rentiere brechen bei Flussquerungen ein, weil das Eis nicht mehr dick genug wird. Sie suchen neue, gefährlichere Wanderrouten oder finden weniger Flechten und Moose, weil es plötzlich nach einem Wärmeeinbruch geregnet hat und es danach wieder fror. Die dünne Eisschicht auf den Pflanzen macht den Rentieren das Fressen teils unmöglich, manche sind verhungert. Solche und andere Probleme sind Teil des samischen Lebens geworden – und sie sind sicher auch Teil des samischen Mediengeschehens, da ich im Rahmen meines Forschungsprojekts Klimageschichten untersuche.

Ich möchte samische Journalisten beobachten und ihren Umgang mit Umwelt- und Klimaveränderungen kennenlernen; zudem geht es in den Interviews um die Frage, inwieweit der Klimawandel in indigenen Medien vor Ort eine Rolle spielt, spielen sollte und welche Narrative und Interpretationen rund um das Thema entstanden sind. Denn vielleicht, mit etwas Forscherglück, sind in Lappland andere Ideen, Erfahrungen und Praktiken zu finden, die zumindest in Teilen für unsere Klimaberichterstattung oder die Ausbildung in diesem Feld inspirierend sein könnten.

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Gedanken zur Wildnis

Ich bin so aufgewachsen, dass ich durch Wohnort und Familie in die Natur hineingefallen bin und – befördert durch Bücher, Filme und vieles andere, was Jugendliche so erreicht – die Wildnissuche zu einem untergründigen Handlungsmotiv geworden ist, nach dem ich meinen Beruf, Reisen, Lektüren und auch Wohnorte ausgewählt habe. Ich habe nicht immer im klassischen Sinne danach gesucht, also nach rauer Natur oder dem Überleben in der Einsamkeit, wenngleich solche Bezüge doch immer eine gewisse Rolle spielten und nun wieder stärker geworden sind. Ich meine insgesamt eher Wildnis im umfassenden Sinn, als Fragestellung nach Unbekanntem, Unbegreiflichem und Unerreichbarem wie ebenso als Ausdruck tiefer Sehnsüchte und Urängste.

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Lehrplanung Wintersemester

Bachelor Onlinejournalismus

  • 1. Semester: Einführung in die Recherche (Theorie und Praxis) mit Einheiten zu Factchecking und diesbezüglichen Übungen mit aktuellen Themen
  • 3. Semester: Sprache und Stil, Vertiefungen: Wir schauen uns nochmals genauer an, wie gute Sprache wirkt und was sie ausmacht. Im Mittelpunkt des Kurses stehen Lektüren von vorbildlichen Texten, viele Schreib- und auch Redigierübungen (etwa Phrasensuche, Schlechttextschreiben, Einstiege üben, Überschriftenwettbewerb) am Campus und anderen Orten sowie eine Einarbeitung einiger Texte in die Lehrredaktionsseite “KunDABunt”.
  • 3. Semester, Textwerkstatt 3 (Reportage und Porträt): Hier arbeiten wir zu diesen beiden Formen sowie generell zu Grundlagen des Storytellings. Wir lesen vorbildliche Texte von Reportern, machen viele kleinere und größere Schreibübungen und blicken auch in den aktuellen Trend den literarischen Journalismus mit seinen verschiedenen Spielarten wie etwa nature writing (hierzu sind Freiluftübunben geplant) hinein.
  • 5. Semester, internationaler Schwerpunkt: Wir schauen uns in diesem Projekt mit globaler Perspektive (Recherchen und Texte, freiwillig, teils auf Englisch) den Klimwandel und andere artverwandte Themen an. Die Redaktion übernimmt das Portal “Grüner-Journalismus” in der Zeit und betreibt dort alle regulären Abläufe sowie ein Dossier zum Leitthema, das in einer großen öffentlichen Fachkonferenz am Ende des Semesters aus verschiedenen Perspektiven mit Gästen aus Wissenschaft und Praxis vorgestellt werden soll. Die Vorbereitung der Konferenz und die dazugehörge Kommunikation sowie dortige Präsentationen sind ebenfalls Teil des Projektes.

Master Medienentwicklung

  • Labor, Werkstatt
  • Wahlfach “Medien, Zeit und Achtsamkeit”: Wir erforschen mit kritischer, journalistischer Perspeketive das Riesenthema Zeit, wenden uns Ansätzen wie “Slow Media” zu und gehen vor allem auf das Trendthema Achtsamkeit ein – mit praktischen Übungen im Freien wie ebenso in der Meditation und Kontemplation.

 

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Für das Glänzen

Ich habe

Elfen, die mir helfen

und Trolle für die Wolle

die sie

am Tagesende spinnen

damit die Tage

zu wahrem Gold gerinnen

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Mohnwand, Aufbruch

Ich kann mich noch gut an den Tag erinnern und den Moment, als ich aufstand, das Café hinter mir ließ, den Blick von dem kleinen Hafen mit den Booten in der Sonne wandte und den Weg hochzog, bis mich plötzlich das Rot festhielt. Ich hatte noch den Geschmack im Mund von Ostseehering, auf dem dicke Salzkörner lagen und Zwiebeln, eine einprägsame Anordnung des sonst gänzlich unauffälligen Cafés im Hafen von Kåseberga, die ich bis heute noch genau aufmalen könnte, wenn ich malen könnte – des Geschmacks und der Rustikalität der Szenerie wegen. Salz, tanghaltige Seeluft, ein kühler, werdender Tag mit einer kämpfenden Juli-Sonne. Dazu mein Hunger nach all den vergeblichen Versuchen, in Ystad ein gescheites Frühstück zu finden.

Es war eine Poesie der Deftigkeit, aus der ich heraus ich den Weg erklommt, bis dieses Rot da war und ihn versperrte: die Flanke eines Dünenhügels über einer Hütte, aber und aber bewachsen mit Klatschmohn, dem ersten, den ich in diesem Jahr sah.

Rot gibt es in Schweden oft mehrfach an einem Platz. Führend ist meist das Falunrot an den Häusern, das man dem Kupferbergbau in der gleichnamigen Stadt zu verdanken hat. Farbführer war hier jetzt aber ein durchdringendes, tiefes Mohnblumenrot neben dem dunkleren Falunrot des Hauses und dies alles noch vor einem kurz zuvor jäh aufgerissenen, hellblauen Himmel, in den ich seit seinem ersten Anglimmen am Morgen begeistert hineinreisen wollte.

Nach dem Bad im Rot war ich noch mehr aufgeladen von der Reise, wäre auch bereit gewesen zu fliegen und hätte dafür Platz auch auf einer dunkleren Wolke genommen, um möglichst schnell weiterzukommen – in Richtung Norden, der Farben wegen.

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