Vietnam-Blog: Ein Land im Klimawandel – eine letzte Erinnerung

Ich frage mich, was bleibt nach diesen knappen zwei Wochen. Viele Beobachtungen, von denen ich schon geschrieben habe, aber auch Eindrücke, die nicht so leicht in Buchstaben fließen. Es ist das, was am Rande steht nach einer Reise, auch nach einer langen Recherche; das vielleicht Unausgesprochene, das uns aber stark gegriffen hat, als wir es …

Ich frage mich, was bleibt nach diesen knappen zwei Wochen. Viele Beobachtungen, von denen ich schon geschrieben habe, aber auch Eindrücke, die nicht so leicht in Buchstaben fließen. Es ist das, was am Rande steht nach einer Reise, auch nach einer langen Recherche; das vielleicht Unausgesprochene, das uns aber stark gegriffen hat, als wir es nicht merkten. Hier ist es der Eindruck eines Landes, das mit einer riesigen Geschwindigkeit an sich selbst vorbeirauscht – wenn es seine Ressourcen verliert, die Flüsse trocken fallen, der Wald gerodet ist. Und wenn es gleichzeitig so vielen Menschen besser geht als vorher, weil der Tourismus kommt, vieles doch funktioniert, was woanders nicht geht: Sauberkeit und Sicherheit etwa.

Mein Eindruck bewegt sich zwischen diesen beiden Polen, der Zerstörung und der Entwicklung, und ich habe noch nicht sortiert, wie das Spiel dazwischen verläuft oder besser laufen könnte. Und wie wir von Außen dies den Dozenten erklären und zeigen können für ihre Medienlehre.

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Und die Minderheiten in Sapa bleiben mir im Gedächtnis mit ihren bunten Taschen, Tüchern und Decken, die wohl in China gefertigt werden nach ihren alten Mustern. Hauptsache, es sieht gut aus. Ich habe es auch gekauft und denke, hoffe, dass irgendetwas bei den Mongh hängen bleibt, an denen das Wachstum der Stadt immer noch vorbei geht. Der ganze Norden ist, wie jetzt wieder eine Karte der Weltbank zeigt, immer noch arm. Es sind die alten Lieder, die wir über den Turbokapitalismus singen, wenn er langsame Lande befällt: Investoren aus der Ferne, deren Ausgaben zu Einnahmen werden, die nur zum Teil vor Ort hängen bleiben. Eine neue Mittelschicht, deren Kinder jetzt wieder vom Auslandsstudium zurückkommt und Arbeit suchen.

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Reisbauern, die in die Städte ziehen, weil ihr Land nichts mehr hergibt und dort alles fließt und zum Besseren wächst, vermeintlich. Aber sie ziehen auch weiter wegen des fehlenden Wassers und schlechterer Ernten, wegen der Klimafolgen. Und das ist meine direkte Erinnerung: Der Klimawandel ist in Vietnam kein Thema der Wissenschaft, der politischen Konferenzen, keine theoretische Diskussion, die in der Ferne spielt. Er ist Alltag, Teil des Lebens, er verändert das ganze Land bereits, auch wenn er nicht genannt wird oder die Menschen davon nichts wissen. Er ist direkt und indirekt, überall und nirgends, hat Täter und Opfer vereinigt, wirkt jetzt und in 50 oder 100 Jahren. Er ist eine Chimäre einerseits und dann doch wieder der Strand, der unter dem letzten Hotel weggebrochen ist oder die Einöde, die einmal ein Feld war.

Im September kommen wir wieder und arbeiten dann mit den Gruppen zu Wald und Arten, ich bin gespannt. Mir kommt jetzt noch Naomi Klein mit ihrem neuen Buch in den Sinn, das grundlegend die Frage stellt, wie Kapitalismus und Klimawandel zusammengehen. Die Zweifel sind da.

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Vietnam-Blog: Lernen vor Lehren – Fazit nach fünf Tagen Journalismusseminar

Vor lauter Lehre habe ich die Blogs nicht mehr so im Blick. Jetzt aber einmal etwas mehr zu den Inhalten und der Weiterbildung selbst: Fünf Tage Lehre sind rum, und wie so oft war es zu viel, meist von 8.30 bis 17 Uhr mit eineinhalb Stunden Pause. Wir hatten die Aufgabe, zwei Gruppen, die beide …

Vor lauter Lehre habe ich die Blogs nicht mehr so im Blick. Jetzt aber einmal etwas mehr zu den Inhalten und der Weiterbildung selbst:

Fünf Tage Lehre sind rum, und wie so oft war es zu viel, meist von 8.30 bis 17 Uhr mit eineinhalb Stunden Pause. Wir hatten die Aufgabe, zwei Gruppen, die beide bis auf einige Ausnahmen wenige Klimakenntnisse haben, erstens Klimapolitik und Klimaökonomie sowie Grundlagen der Umweltpsychologie näher zu bringen. Die zweite Aufgabe war Methodentraining, damit sie das Thema an ihre Studierenden vermitteln können.

Unsere erste 24er-Gruppe umfasste aus Dozenten für Soziologie, Sozialarbeit, Sprachen und Journalismus, die jeweils angehenden Journalisten ihr Fach vermitteln. Die zweite 19er-Gruppe hatte etwas mehr Mediendozenten, für TV, Radio und Zeitungen, dann aber auch einige Kollegen aus den Internationalen Beziehungen sowie Publikation und PR. Alle sind Dozenten in Hanoi an der Nationalen Medienakademie AJC.

Die 30-Minuten-Grenze

Jetzt, nach fünf Lehrtagen, sind 30 Minuten der Erfahrungswert und die beste Lehrdauer. Danach muss eine neue Methode kommen. Die Teilnehmer sind durchaus interessiert, haben aber auch andere Alternativen wie etwa die Bergstadt Sapa und ihre Touristen-Perspektive, sowie Handy und Laptops vor sich, die Neugier auf die anderen – gegen all dies müssen wir mit unseren Klimainhalten gewissermaßen bestehen.

Wir haben neben den Vorträgen versucht, viele verschiedene Methoden anzuwenden, haben Fragen ins Plenum gestellt, kleine Videos eingebaut und verschiedene Gruppenarbeiten gemacht: große mit 5er-Gruppen, in denen sie etwa die ihnen bekannten Klimafolgen in Vietnam zusammentragen und dann mit Karten an den Metaplan pinnen. Ein Sprecher jeder Gruppe stellte die Ergebnisse dann vor. Und es gab kleinere Gruppenarbeiten, in denen sich die Sitznachbarn gegenseitig befragten.

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Mit einer großen Gruppenarbeit fanden wir in beiden Gruppen auch heraus, welche Methoden sie anwenden, da kamen Fishbowl und verschiedene Rollenspiele vor und vieles mehr – eine gute Grundlage.

Was gut ankam, waren die Positionsspiele, etwa so: Wer schon einmal etwa vom Zwei-Grad-Ziel in der Klimapolitik gehört hat, geht in die eine Ecke des Raumes, wer nicht in die andere. Kyoto-Protokoll, Englischkenntnisse, der Einfluss Vietnams auf den Klimaschutz – das und einiges mehr haben wir mit dieser Methode abgefragt und damit auch wertvolles Wissen darüber erarbeitet, was die Gruppe bereits weiß.

Groß Gruppe, kleine Gruppe?

Wir haben dann auf Basis der Gruppenarbeit alle Methoden, die sie und wir verwenden, zusammengetragen. Ich habe später kommentiert, inwieweit sie sich für das Klimathema und auch große Gruppen eignen. Das ist nicht so einfach, auch bei meiner hochschuldidaktischen Woche war es ein Unterschied: 90 Studierende oder 20-30, wie meistens bei uns in Darmstadt? Manche Methoden funktionieren dann einfach nicht.

Ein noch größeres Hindernis sind die Übersetzungen, wobei unsere beiden Übersetzerinnen sehr gut sind. Aber man muss sich immer daran erinnern, sonst ist man schnell davon geeilt und niemand versteht auch nur ein Wort. Vier oder fünf Sätze, dann anhalten, die Hälfte des Stoffes einplanen, den man sonst durchnimmt, den Kontakt zu den Übersetzerinnen halten, langsam sprechen – auch das sind kleine Lektionen. Weitere Punkte, die für die Lehre im internationalen und systemfremden Kontext hier relevant sind:

# Strukturen: Vieles Dinge, von denen wir zu Hause in der Lehre stillschweigend ausgehen (polit. Kultur etc.), können hier aufgrund des Systemunterschieds nicht vorausgesetzt werden. Das macht ein ziemliches Umdenken nötig.

# Sprache 1: Mit am schwierigsten fand ich es, von der impliziten Kenntnis internationaler Verträge und Organisationen auszugehen. Nein! Es werden v.a. nationale Quellen genutzt, da statt einer multipolaren Öffentlichkeit eine hierarchische Informationsarbeit von oben nach unten durch die staatlichen Medien stattfindet, Ausnahme natürlich inbegriffen. Internationale Quellen wie UN, Weltbank oder Asiatische Entwicklungsbank werden daher auch selten genutzt, wie unsere Umfragen ergaben – auch nicht, wenn die Texte in Vietnamesisch vorliegen.

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# Sprache 2: Rund ein Drittel der Teilnehmer in  beiden Gruppen versteht Englisch auf verschiedenen Ebenen. Das heißt für uns, bei den Materialien zur Heimarbeit nach Texten zu suchen, die in Vietnamesisch und Englisch vorliegen. Alles übersetzen zu lassen kostet zu viel. Google-Übersetzer scheidet übrigens bei der tonalen Sprache aus, es geschehen zu viele Fehler.

# Sprache 3: Die nächsten Seminare finden zu Themen wie Wald und Biodiversität, Energie, Küstenschutz, Verschmutzung, Landwirtschaft oder Aquakultur statt. Nicht überall gibt es dazu bei Weltbank, UN-Stellen oder Universitäten Texte und Studie in Englisch. Wir werden uns bei der Recherche anstrengen! Müssen.

# Gruppendebatten: Sie funktionieren sehr gut als Methode, klein und zu zweit, um eine Diskussion vorzubereiten oder größer in Gruppen von vier oder fünf Studierenden, um Meinungen und Einstellungen mit Hilfe von Karten und der Metaplan-Technik abzufragen. Allerdings beteiligt sich die Männer deutlich öfter; ebenso sind die Hierarchien anzuerkennen, in denen Diskussionen ablaufen: zuerst die höchstrangigen Mitglieder der Gruppe, etwa Leiter, einer Fakultät, dann Stellvertreter, dann die anderen. Es kann Sinn machen, hier stärker über die Gender-Perspektive und Frauenförderung in Debatten nachzudenken.

# Bestuhlung: Wir waren im Gästehaus der Partei untegebracht und lehren im Tagungssaal, der zwar geräumig ist, aber massive, sesselartige Stühle hat an einem langen U, was keinerlei Veränderungen zuließ.

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# Vorhandenes Wissen: Es ist ungemein wichtig, mit einer  Vorstellungsrunde sowie Positionsspielen oder anderen Methoden das Klimawissen in diesem Fall und die methodischen Erfahrungen abzufragen. Denn wir müssen die Gruppe, gerade vor dem Hintergrund der anderen neuen Kontexte und Systemunterschiede, genau kennenzulernen. Das Klimawissen war bei der zweiten Dozentengruppe ein klein wenig besser ausgeprägt. Heißt: Kyoto-Protokoll schon mal gehört in der Mehrheit, das Zwei-Grad-Ziel nicht.

# Kollektives Essen: Sehr wichtig und von mir unterschätzt. Es ist besser mitzuteilen, warum man nicht mit zum Essen abends geht oder nicht zum Nudel-Suppen-Frühstück morgens um Acht mit in die Stadt. Sie kümmern sich sehr, bringen ungefragt Essend aufs Zimmer oder einen vietnamesischen Döner noch schnell ins Seminar. Es gibt einen starken kollektiven Bezug, eine Gemeinschaft, die ungefragt läuft, und in die wir erst einmal voll integriert sind. Höflichkeit und Rücksicht spielen eine große Rolle.

# Information vs. Storytelling: Ich arbeite ja immer mehr zu diesem Thema, auch nun mit dem Projekt „Neues Erzählen“. Wir haben auch hier die Gruppen befragt und bei den 24 kannten zwei das Konzept des Geschichtenerzählens (ich habe es nochmal erläutert) und von den 19 drei vom Hörsensagen. Wir haben es also mit offenbar mit einer Journalismuskultur zu tun, die mit dominanten Formen wie Nachricht und Bericht stark faktisch und informationsorientiert geprägt ist und nach einem klaren top-down-Modell funktioniert. Wie lässt sich storytelling in diesem Kontext vermitteln und erklären? Und was lernen wir über die Antworten womöglich über unseren eigenen Storyhype, der alle, auch mich, befallen hat? Das sind die Fragen, die ich hier wissenschaftlich am interessantesten finde.

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Wandelworte: Andreas Altman zur Meditation

Aus: Altmann, Andreas: Der Preis der Leichtigkeit. Durch Thailand, Kambodscha und Vietnam.

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Vietnam-Blog: von Waldschmerzen, Umweltbuddhismus und dem großen Klimaopfer – etwas traurige Reisegedanken

 

Die kahlen Hänge, sie tun mir weh. Die nackte rotbraune Haut der Erde, die sich überall zeigt, weil die Hügel unter den gerodeten Kuppen wegbrechen nach Regen und Wind oder jemand neben seiner Hütte den Berg einfach abgegraben hat. Wie auf einem Kuchenblech sieht es aus, halbe Stücke stehen herum, gerade abgetrennt wie mit der Tortenschaufel. Immer wieder dieses Bild, halbe Hügel ohne Wald mit klapprigen Häusern darunter, rotbraun, ocker, dunkelgelb.

Die Bäume sprechen nicht mehr im Norden entlang der neuen Straße an die chinesische Grenze. Sie sind fast alle weg oder Plantagen aus Gummibäumen oder Bananenpalmen gewichen, die die Erde nicht halten können und keine Grundlage für ein widerständiges und artenreiches Ökosystem sind. Der Wald, sagt Sonja Schirmbeck, hat in Vietnam schon verloren. Und damit höre ich, was ich schon öfter gelesen habe: In den meisten Ländern der Region ist das Thema Regenwald durch, jetzt geht es um andere Rettungen: des sauberen Wassers, der Flüsse, der Erträge auf den Feldern, der Küsten, die überschwemmt werden. Oder der Reisfelder, in die das Salzwasser von unten eindringt, weil der Meeresspiegel ansteigt und der Mekong sich gleichzeitig immer stärker zurückzieht nach den Dutzenden von Staudämmen, die sie ihm angetan haben.

Die Fahrt macht die vorher gehörten Worte schmerzlich klar, jede Stunde mehr. „Das Thema Wald ist hier durch“. Er ist verschwunden. So wie in Europa an vielen Stellen, weil Römer und später Engländer ihn abgeholzt haben für Häuser, Kriegsschiffe, Waffen. Gab es alles schon, denke ich. Und sehe dabei vor mir das Buch, das Ranty vorhin gebracht hat: „From the Ruins of Empire: The Revolt Against the West and the Remaking of Asia“, geschrieben vom wunderbaren indischen Essayisten Pankaj Mishra. Ein Mann der sehr klaren Worte. Gehen Reiche unter, wenn sie den Wald verlieren? Kurze Idee. Was hingegen bleibt, sind Wehmut und eine tiefer sitzende Traurigkeit über die sichtbare Naturzerstörung.

Natur – vermessen und veräußert

Umweltschmerzen, würde jetzt Joanna Macey sagen, die Buddhistin und Tiefenökologin. Wir sprechen durchaus über Schmerzen und Trauer, trauen uns aber selten, darüber zu reden, wenn Umweltzerstörungen Grund dafür sind. Warum? Wir haben die Natur vermessen, rationalisiert und verdinglicht und sie so aus unserer veräußerten, ausgesprochenen Gefühlswelt ausgeschlossen. Wer würde schon öffentlich sagen, er möchte einen Wald retten, weil er dessen Schönheit vermisse oder nur das erhabene Gefühl, das entsteht, wenn man Wald sieht, der bis zum Horizont reicht. Wenn es nichts anderes mehr vor einem gibt.

Schützen darf man aus anderen Gründen: weil es sich rechnet, das Klima davon profitiert, Arten erhalten bleiben und insgesamt eine wertvolle Ressource, wie die neue Umweltökonomie sagt und dafür die „ökosystemaren Dienstleistungen“ eines Hektars Wald ausrechnet. In Freiburg wären es 10.000 Euro. Ich arbeite im meiner Lehre genau mit diesen Argumenten und Zahlen und versuche so, über Fakten und wirtschaftliche Sichtweisen ein Waldbewusstsein zu schaffen. Aber ist es das? Zuvor, ganz am Anfang, ist die Emotion, Schmerz.

In Vietnam waren es 10 Millionen Hektar Urwald, geblieben sind 500.000 Hektar Dschungel. Der Rest sind Monokulturen, Stümpfe und Erde, auf der nichts mehr wächst, weil sie zum so und so vielten Mal bepflanzt und abgeerntet wird. In 25 Jahren, nach dem Ende der Handelsblockaden, ist dieses Land so schnell gewachsen wie viele andere in der doppelten Zeit; vielen Menschen geht es jetzt besser; auch weil sie klug, fleißig und pragmatisch sind. Sich zurücknehmen und dann wieder alles geben. Aber die Natur zahlt für das Entwicklungstempo.

Wasserfrevler Nr. 170 – kaum ein Land ist verschwenderischer

Beim Umgang mit den eigenen Wasserreserven gibt die Yale University Vietnam von 180 Ländern fast die schlechteste Note, Rang 170. Wasser wird verschmutzt, versalzen, verschwendet. Die Bauern leiden darunter, Ernten bleiben aus. Und im Sommer stellen sich Vietnamesen schon mal an in einer langen Schlange, um noch von irgendwo die erste Lebensgrundlage zu bekommen. Artensterben, Wald, Landwirtschaft, Küstenschutz – in einigen Feldern ist die Lage miserabel. In anderen sieht es besser aus wie etwa der Sauberkeit und Hygiene – wenn Wasser da ist, ist es zumindest sauberer geworden.

Insgesamt greifen die Klimafolgen das Land von allen Seiten an. Nur sechs Länder auf der ganzen Welt sind noch stärker vom Klimawandel betroffen als Vietnam, sagt der Index von German Watch. Und betroffen sind zuerst immer die Armen: Bauern, die Felder verlieren, Fischer, deren Fänge ausbleiben, weil die Flüsse versiegen, Arme, die am Flussufer hausen und von Stürmen und Fluten überrascht werden. Vietnam, Bangladesch, Pakistan, Indien – in Südasien sind manche Probleme sehr ähnlich.

Was kann ich davon den Mediendozenten erklären? Und wie? So, dass sie Klimafolgen lehren und ihre Schüler, die angehenden Journalisten, dann in so einer Weise berichten, dass womöglich mehr Bewusstsein entsteht und dadurch Vietnamesen vielleicht ihre Natur besser schützen und damit sich selbst. Denn Natur, das sind sie selbst, das sind wir. Sie ist nicht zu veräußern, als von der Gesellschaft auszuschließen mit Konzepten wie Natur hier und Kultur dort.

Es ist „interbeing“, wie der vietnamesische Mönch Thích Nhất Hạnh sagt, der Umwelt und Buddhismus zusammenführt. Ähnlich beschreiben es auch die Tiefenökologin Joanna Macey, der Umweltethiker Konrad Ott, Claus Eurich, Hans Jonas, Arne Naess und früh und groß die Kritiker Horkheimer und Adorno. Ich habe ihr Buch verteufelt, viele Male, weil ich es auf Französisch lesen musste, die schwerste Lektüre, an die ich mich erinnere. Und jetzt, in Vietnam – Dozenten in einer kommunistischen Journalismuskultur erreichen, Journalisten erreichen, Bewusstseins schaffen, ein Stück zumindest – schwer, großes Ziel, vermessen gar? Womöglich. Aber was sollen wir sonst anstreben und erreichen wollen hier: einfach spannendere Berichte anraten, gutes Essen mitnehmen, interkulturelle Begegnung haben?

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Lehren und Essen in Sapa – der erste Arbeitstag

Das Essen steht ganz vorne, auch jetzt hier in meinem Text. Denn jeden Tag kommen im Gästehaus Speisen auf den Tisch, die weder wir noch die Übersetzer aus Hanoi kennen. Gemüsesorten aus den Bergen, Flussfische, Pferd, fremde Kräuter, eben hervorragende Bambussprossen und eingelegte Pilze. Oder gestern die Eingeweiden-Suppe im Restaurant. Dann heute Morgen der erste faut-pas.

Weil wir nicht Bescheid gesagt hatten, dem gemeinsamen Nudelsuppen-Frühstück in der Stadt fernzubleiben, hat uns die die Dozentengruppe zwei große Sandwichs mitgebracht. Sie waren ernsthaft besorgt, dass wir ohne Essen in den Tag starten würden – es war ein größeres Thema.

Die Gruppe besteht aus 24 Dozentinnen, die meisten sind Frauen, zwischen 25 und Mitte 40, die an der nationalen Medienakademie Journalismus, PR oder andere Fächer lehren, die angehende Journalisten haben. Alle nutzen Facebook, nur eine Handvoll Twitter. Einige haben eine speziellen Fokus auf Radio, Fernsehen oder Zeitung, die meisten nicht. Ganz wenige dieser ersten Gruppe – denn nächste Woche kommen fortgeschrittene Klimakenner – haben bereits Erfahrungen mit Umweltthemen in der Lehre gemacht – es wird spannend, auch, da sie sehr direkt Rückmeldungen geben und kritisch sind.

Ein lebendiger Haufen, der mit uns gestern ersteinmal Aufwärmspiele gemacht hat, nicht umgedreht: Ständig gickelnd und wild durcheinander redend erklärten sie mir, dass ich das Material sei, und eine Dozentin die Künstlerin. Ich wurde dann etwas verbogen und musste so verharren. Ergebnis: Fotos, Lachanfälle, Applaus. Gestern Abend Karaoke, aber da war ich noch zu müde.

Staatsgründer und Idol Ho Chi Minh ist übrigens überall präsent, auch in unserem Lehrsaal, hinter uns schaut er auf das, was wir so machen. Gewöhungsbedürfttig, aber so langsam bin ich zu sehr im Stoff drin, um immer an ihn hinter mir zu denken.

 

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Vietnam-Blog: Autoscooter im Reisrevier – eine Sausefahrt nach Sapa

Die Fahrt von Hanoi ins Hochland nach Sapa, wo wir mit den Dozenten der Medienakademie die Woche verbringen, war gestern ein Glücksspiel, ein joy ride, wahnsinnige Landpartie, Autoscooter im Reisrevier. Dafür hat der Fahrer gesorgt, der den Toyota-Bus immer so nahe an ein anderes Auto fuhr, bis sich fast die Stoßstangen berührten. Dann ist er rechts und links, links und rechts ausgebrochen um zu sehen, wo er vorbeikommen, weiter rasen kann, über doppelte Linien, auf die Gegenfahrbahn, rechts überholen, überholen in der Kurve und bergauf, vor Hügeln. Scharf vorbei an entgegenkommenden Bussen, Lkw, Morrädern. Ihm war es egal, nur der Sieg über  andere Gefährte zählte; nicht die Zeit, denn er war kein eiliger Mann. Etwas anderes trieb ihn, schlichte Technik vermutlich.

Vierter Gang am Berg, Anfahren im dritten, langsames Zuckeln, schnelles Vorschießen, er nutze auch alles aus, um den Motor kaputt zu kriegen. Den Bus mochte er nicht, das war klar. Als unsere Übersetzerin bat, vor den Kuhlen, die die neue Autobahn ständig hat, doch langsamer zu tun, weil wir öfter fast abgehoben wären, verstand er sofort. Und machte vor jeder Senke eine Vollbremsung. Wir flogen nicht mehr sondern fielen jetzt nach vorne, Gurte gab es eh keine.

Und das Hupen, vier- oder fünfmal, immer, wenn wir einen Bus oder Lkw überholt haben. Zweimal kamen uns frontal Jeeps entgegen, ein paar Meter waren es noch. Doch unser Fahrer schaffte es irgendwie. Die Serpentinen rangen ihn dann aber nieder, Überholen war hier unmöglich. Ein paar Motorräder fuhr er noch an den Rand, Radfahrer mussten flüchten, doch zu oft warf er den Toyota vom Mittelstreifen, vom reflexhaft angesetzten Überholversuch, wieder zurück in die Spur, weil selbst für ihn keine Lücke offen war. Und es dunkel wurde. Irgendwann waren er und wir ruhig und alle angekommen.

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Vietnam-Blog: Hundeentführung und drei geteilte Welten

Eine andere Sache fällt mir immer wieder ein, in Gesprächen und jetzt, wo ich vom Hoteldach ganz oben auf die Stadt schaue: Die geteilten Welten, die der Turbokapitalismus hinterlassen hat und weiter teilt. Man teilt sie in drei Sphären ein: die beste mit Schulen, Krankenhäusern und anderen Stellen, die dem Militär, der Staatsspitze und hohen Beamten offen stehen; die schlechtere, die für alle offen ist, unterfinanziert, oft verschuldet, haltlose Zustände. Krankenhausbetten, in denen zwei oder drei Menschen liegen. Und dann kommt die abgeschottete Welt mit eigenen teuren Schulen, Hospitalen, Universitäten, das Privat-Vietnam, das vom Kommunismus so fern ist wie Bamberg von Battambang.  Und wir reden von Inklusion, denke ich jetzt, was hier nicht passt und zu keinem Vergleich taugt. Wir reden aber auch nicht von Hundeentführungen, die hier gerade passieren, zwei Dackel hat es erwischt eines Diplomaten. Und nicht von diesem feinen, unsichtbaren Klimawandel, der sich mit seinen Fingern von unten nähert, in die Erde geht und die Böden versalzt, weil das Meerwasser vordringt. Darüber mehr in Kürze.

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Vietnam-Blog: Mein unsichtbarer Kulturucksack und der Gott zum Schutz gegen Angriffe aus dem Norden

Der diesige Tag ist gerade in aller Schönheit zu Ende gesunken in fahles Licht über dem See, die warmen, gelben Regierungsbauten hüllen einen Teil davon in ihre Stille, vor allem hinten bei Ho Chi Minhs Stätten. Der andere Teil ist der brausende Schwarm der Motorräder, Mopeds und anderer Gefährte, die uns wie Fische umschwimmen, wenn wir über die Straße gehen. Sonja Schirmbeck weiß viel und lässt nichts aus. Ich komme nicht mehr mit, will aber weiter hören. Mehr wissen.

Zuletzt spricht sie von der seltenen alten Wasserschildkröte, die im Schildkrötensee wohnt und auf ewig leben wird, wie die Vietnamesen sagen. Ein deutscher Tierarzt hat sie vor Kurzem rausgefangen und fit gemacht, sie hält wohl noch etwas durch. Das letzte Paar der Art, ebenfalls uralt, lebt in China. Weil Chinesen und Vietnamesen fortwährend streiten, gibt es aber keine Vereinigung der Schildkröten, die für die deren Zukunft wichtig wäre. Das chinesische Weibchen legt zwar Eier, aber ihr Mann ist wohl unfruchtbar.

Vielleicht wahren sie ja auch nur den Schein und sind pragmatisch – dieses Wort, dass ich hier so oft höre. Auch für die Ehe: Vietnamesen heiraten früh, leben sich öfter auseinander, bleiben dann aber um des Anscheins Willen zusammen. Das richtige Beziehungsleben findet  für manche in den sehr langen Mittagspausen statt, in Hotels, mit anderen Scheinehepartnern.

Ich denke, dass das wohl in vielen Ländern ähnlich sein muss. Ich denke nach, während ich an jungen Soldaten mit Maschinengewehr und viel zu großen, dunkelgrünen Uniformen vorbeilaufe; an einem jungen und alten Männer- und Frauen-Quartett, die mitten auf dem Bürgersteig im diesigen Abendnieseln Badminton spielen. Vorbei an einer älteren Frau, die mit Mundschutz gerade an einer Mauer Streckübungen macht, hinter ihr, auf der großen Wiese vor dem Mausoleum, sitzen auf den weißen Bänkgen die jungen Paare. Die Männer in Lederjacken, Rockabilly-Stil, sie halten Hände, sind still oder reden nur leise trotz des Lärms, der sich wie eine marode Grundmelodie auf die zarte Abendszenerie drauflegt: Motorknattern, Hupen, Sirenen, helle Schreie, Bremsenquietschen im Regen. Ich sehe, Kinder, die zwischen ihren Eltern in die Rollersitze gequetscht an mir vorbeibrausen. Ein Mann, der mit einer zwei Meter großen Stechpalme auf dem Sattel durch die Taxen schießt, die sich mühsam den Weg durch das Gewusel bahnen. Und einen, der dutzende silberner Luftballons auf seinen Roller geladen hat, die im Fahrtwind wie ein gewaltiges, aufstrebendes Pfauenrad hin und her wackeln. Ein schnelles, kitschig-schönes Verkehrshindernis.

Im Tempel werde ich langsam müde, treffe den Gott zum Schutz gegen Angriffe aus dem Norden und muss dabei an die weißen Wanderer und Game of Thrones danken. Höre dann noch was zum Pragmatismus (gibt es eigentlich ein anders Wort dafür, das genau dasselbe aussagt?) in der Religion, von einer Frau im Norden, die kürzlich zum Christentum übergetreten ist, weil sie dort noch etwas bekäme mit der Hostie, und nicht mehr so viele Opfergaben bringen und ganze Enten für die Altargabe kochen müsse. Christ sein sei weniger anstrengend. Ein Argument, gegen das ich so nichts vorbringen kann, nur meine Prämissen im unsichtbaren Kulturrucksack, den ich heute versuche, so oft wie möglich abzulegen. Er klebt aber ein wenig und geht nur schlecht vom Körper.

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Gedanken vor dem Gedachten

Ich denke oft, bevor ich schreibe oder auch nur weiterdenke, ob das Gesagte und Gedachte schon einmal da war und wenn ja, ob es dann überhaupt denkenswert und sagenswert wäre. Danach verurteile ich den allgegenwärtigen Kult des Immerneuen und den Zwang zur Exklusivität in unserem Denken. Dann ärgere ich mich darüber, dass ich beides in mir trage und an den Tag lege. Manchmal, wie jetzt, schreibe ich es auf, um den Ärger inmitten der Worte zu zerstreuen. Was kaum gelingt. Zumindest aber kann ich später mit einem neuen Ärger zu seinem aufgeschriebenen Bruder gehen und beide vergleichen. Das kann einen kleinen Frieden schaffen, mehr aber nicht.

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Am Birkenwasser: dunkle Baumbegegnung

Ich habe eben versucht, ein Stück Birkenrinde abzuziehen und war erstaunt, wie schwer sie es mir machte. Kein Halt haben meine Finger gefunden, um ein erstes kleines Stück anzubrechen und es dann weiterzudrehen; die weißen, narbigen Rinderfenster saßen fest nebeneinander. Erst sahen sie alt und lasch aus, als ob sie gehen wollten. Mit mir gehen wollten. Aber sie haben sich behauptet und ich habe aufgegeben.

Ich habe in den vergangenen 15 Jahren bestimmt mehr über Birken gelesen als sie angefasst. Leicht sei der Baum, hell, ein Pionier auf neuem Boden, schnell im Wachstum und heilsam in der Wirkung, etwa bei Hautekzemen. Das haben sie im Hamburger Kräuterkurs gesagt, und es steht hier im Regal in den Führern. Die Birke vorhin hatte einen anderen Charakter. Sie besteht in einem kleinen Auwald, dem Darmbachtal, neben größeren und dunkleren Gesellen, Buchen die meisten. Hat große Birkenschwämme an sich, die ganz gerade von ihr abstehen. Stark, fest, schwarz, das war sie viel mehr als hell, weiß und voller Aufbruch.

Sie ist eine der wenigen Birken an dem Zusammenfluss kleinerer Bäche, der Birkenwasser heißt und an dem ich das letzte Mal vielleicht vor 20 Jahren war. Wir haben mit der Schule Staudämme hier gebaut, es gab einen offenen, maroden Spielplatz, ausgetretene, sommerwarme Erde, einen Holztisch mit Bänken. Es gab viele Geburtstage, immer mit Staudämmen. Heute ist nur die Aue da, die Spielgeräte sind fort. Ich werde für meine Kinder eine andere Stelle suchen zum Dämmebauen. Die Birke besuche ich wahrscheinlich dennoch, weil sie mir untypisch erscheint. Das nehme ich mir zumindest jetzt vor.

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Eigenworte: Vom Schreibheilen

Täglich frei zu dichten

legt fern

sich kläglich oft zu richten

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Postwachstums-Verse (1)

Was kommt
vor dem
Wachstum?
Wachstum

Was kommt danach?
Ebendies.

Und was kommt
vom Wachstum?
Wachs.Tum.

Was steht daneben?
Wir
Langweilig zuzusehen.

Neuer Versuch: Was kommt
ohne Wachstum?
Wachstumsklagen und
“Minuswachstum”

Vielleicht einmal
Erreichttum?

Dann könnten wir anhalten
ein neues Wort einfallen lassen
So bleibt es Kreiseln das
das Morgen zum Jetzt
und Gestern zum Gleich-Wieder macht
sodass Vorsorgen und Absichern
die Momente nehmen

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Vogesen-Zauberwald – zwei Stunden, einige Sätze

Ich habe so einen Wald in der Nähe, es sind drei Stunden, noch nie gesehen. Moosüberwachsene Felsen türmen sich immer höher auf entlang eines Hangs, der steil ansteigt bis hinauf zu den Wänden aus Dunst. Zottige Kiefern und Fichten im Herbstnebel. Kälte. Zwielicht. Steine, die zu Figuren im Halbdunkel des Waldes wachsen – mehr und mehr, je höher der Berg ansteigt. Höhlen reißen schwarze Flecken in die Szenerie, schauen uns aus Felsblöcken heraus an. Wir stehen schweigend und antworten nicht, auch die Kinder werden ruhig. Andacht. Es gibt keine Gewöhnung daran, auch nicht nach einer Stunde. Der Ort: Vogesen, bei Gérardmer.

 

 

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Wandelworte: neues Buch von Naomi Klein

Erscheint 2015 in Deutsch, ein großer Erfolg in den USA – und eine klare Ansprache grundlegender Probleme. Wenn wir über Nachhaltigkeit sprechen wollen, ist das ein Kern. Eine Rezension gibt es in der Vogue zu lesen.

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Wandelworte: Fritz Vorholz, Journalist

Fritz Vorholz, DIE ZEIT, 22-2014: Hört doch mal auf Brüssel!

 

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Waldworte: Sylvain Tesson, Schriftsteller

„Eines Tages ist man es plötzlich müde, von „Nullwachstum“ und Naturliebe zu reden. Man verspürt den Drang, Ideen und Taten zur Deckung zu bringen. Es ist Zeit, die Stadt zu verlassen und hinter all den Sonntagsreden den Vorhang der Wälder zuzuziehen.“

 Sylvain Tesson: In den Wäldern Sibiriens. Tagebuch aus der Einsamkeit. München 2014, S. 40.

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Wandelworte: Frank Uekötter, Umwelthistoriker

Die Menschen von heute wollen aber nicht nur ökologische Nachhaltigkeit, sondern auch Partizipation, soziale Gerechtigkeit, kulturellen Respekt, Resilienz im Fall einer Krise. Wer dem Klimaschutz Vorrang vor allen anderen Interessen einräumen möchte, klingt verdächtig wie ein Förster, der alles Heil bei den Fichten sucht. (…)

 Nachhaltigkeit ist kein Zauberschlüssel, sondern eher ein grober Kompass, und nachhaltige Politik hat wie jede andere auch Risiken und Nebenwirkungen. Ein Denken in langen Zeiträumen verführt zur Unempfindlichkeit gegenüber dem Hier und Jetzt: Dass die Stromarmut just in einer Zeit entdeckt wurde, in der Politiker(innen) und Expert(inn)en im Zeichen der Energiewende mit Zielvorgaben für 2030 oder 2050 jonglierten, ist da nur der jüngste Beleg. (…)

Sollte man deshalb Abschied nehmen von dem Begriff? Letztlich würde das wohl eher auf eine talmudische Lösung hinauslaufen. Nach den Erfahrungen der vergangenen Jahrzehnte spricht mehr für das hartnäckige Nachfragen: Was genau ist mit “Nachhaltigkeit” gemeint, welche materiellen und immateriellen Ressourcen erfordert die jeweils postulierte Politik, welche anderen Interessen sind davon tangiert, und wie geht man damit um? Wenn dann nur die altbekannten Worthülsen kommen, weiß man immerhin Bescheid.

Frank Uekötter: Ein Haus auf schwankendem Boden: Überlegungen zur Begriffsgeschichte der Nachhaltigkeit. In: Aus Politik und Zeitgeschichte, 31/32 2014

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Wandelworte: Rem Koolhaas, Architekt

“Ökologie ist das Ornament des 21. Jahrhunderts” – Rem Koolhaas, Architekt

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Nordworte: Knud Rasmussen, Polarforscher

Knud Rasmussen: Unter Jägern und Schamananen. Unionsverlag 2006, S.10.

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Wandelworte: Hans Jonas, Philosoph

Daß unser irgendwo einmal im All aufgefangenes Signal keine Todesanzeige sei, damit haben wir alle Hände voll zu tun. Kümmern wir uns um unsere Erde. Was immer es draußen geben mag, hier entscheidet sich unser Schicksal und mit ihm so viel vom Schöpfungswagnis, wie an diesen Ort geknöpft, in unsere Hände geraten ist, von uns betreut oder verraten werden kann. Sorgen wir uns darum, als ob wir in der Tat einzig wären im All.

Hans Jonas: Geist, Natur und Schöpfung. Kosmologischer Befund und kosmogonische Vermutung. In: Hans-Peter Dürr/ Walter Ch. Zimmerli (Hg.): Geist und Natur. Über den Widerspruch zwischen naturwissenschaftlicher Erkenntnis und philosophischer Welterfahrung, München: Scherz 1989, S. 61- 77.

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