Im September bin ich auf die norwegische Inselgruppe der Vesterålen gereist, um an der nördlichsten Spitze, im Fischerdorf Andenes, Pottwale zu beobachten. Die 18 Meter langen Meeressäuger waren tatsächlich zu sehen: gleich fünf von ihnen, vielleicht nur 50 Meter vom Boot entfernt und viel näher an der Küste als sonst, wie die Guides an Bord berichteten. Es war ein beeindruckendes Erlebnis, das ich einmal an anderer Stelle vorstellen will. Mindestens genauso berührend war das, was einer der Walforscher nach der Tour erzählte.
Er sprach zunächst von den Orcas vor den Vesterålen. Bisher gingen die Walforscher davon aus, dass die Schwertwale nur zu Besuch kommen, ihre Reviere jedoch auf den benachbarten Lofoten und im südlicheren Tysfjord hätten. Erst seit diesem Sommer sind sich die Wissenschafter sicher, dass es auch vor der den Vesterålen eine eigene Gruppe gibt, die sie nun genauer erforschen wollen – so, wie es Kollegen auf den Lofoten schon länger tun. Dort gibt es mehrere Orca-Familien, von denen drei eine berührende, äußerst menschlich anmutende Art der Fürsorge entwickelt haben.
Sie füttern zusammen ein Orca-Männchen durch, dass nicht mehr jagen kann, weil es von einem Schiff verletzt wurde. Abwechselnd, so erzählte der Wal-Guide aus Andenes, bringen sie dem kranken Bullen Fische und sichern so sein Überleben. Wenn Gefahr droht, etwa durch vorbeifahrende Schiffe oder andere, unbekannte Orcas, nehmen zwei Männchen den lahmen Artgenossen zwischen die Flossen, um ihn zu beschützen.
Die Geschichte hatte mich noch mehr darin bestärkt, Schwertwalen näher kommen zu wollen und das zu versuchen, was in meinem Reiseführer steht: mit den Orcas zu schnorcheln, am besten vor der Ortschaft Henningsvær, die eine Art Zentrum für Meeressafaris auf den Lofoten ist. Leider hatte der Autor des sonst sehr guten Reiseführers nicht geschrieben, dass die Ausfahrten mit dem Schlauchboot nur im Herbst und Winter stattfinden, wenn die Orcas den Heringen folgen und näher an die Küste kommen. Dann zieht man den Neopren an, springt ins arktische Wasser und kommt sehr nah an diese gut erforschten und dennoch so geheimnisvollen Wesen heran.
Mehr zu lesen gibt es in der Reportage der Kollegin Nadine Kraft, die in GEO Saison über die Orcas von Henningsvær geschrieben hat.